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1 (1881)
Seite
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66 . NATURPOESIE.

nimmt und liest das Lied der Nibelungen neben den andern,,so erstaunt man, wie es in diese Gesellschaft gekommen, dasso gross und so unendlich viel höher steht, dass ihm nichtsvon der romantischen Poesie an die Seite gesetzt oder nur ver-glichen werden kann, wie man z. B. vom Tyturell behauptet. Nochunbegreiflicher ist es, dass die Stimme eines Johann von Müller(Bodmer selbst hatte es nicht bedeutend hervorgezogen) imGanzen unbeachtet blieb und Friedrich der Grosse so schnöddarüber sprach, wenn man nicht bedenken müsste, wie eiserndie Bande sind, die eine conventioneile Ansicht um ihre Zeitschlägt, und wenn man nicht noch täglich sähe, wie alles Grosseund Genialische ringen muss gegen die Gemeinheit, die es sogern mit dem Sand ihrer Wüsten zuwehen möchte. Dennochist es erfreulich, wie es durchdringt und selbst den unfrucht-baren Boden zwingt ihm zu dienen. Tie[c]k war der erste inneuerer Zeit (und er allein hatte ein Recht, davon zu reden,,der mit Neigung und Liebe der altdeutschen Poesie ein gründ-liches Studium widmete), welcher in seiner Vorrede zu denMinneliedern auf die Hoheit dieses Gedichts aufmerksam machte.In ihm wurde erhalten, was nicht wieder ersetzt werden konnte,das Bild einer vergangenen Zeit, in welcher ein grosses Lebenfrei, herrlich und doch wieder so menschlich erscheint. Denndas ist es, was uns in der Poesie entzückt, jene Verbindungdes Göttlichen und Irdischen: wie der Mensch fest und liebendsteht auf der Erde, sein Haupt aber aufwärts richtet zumHimmel, so soll die Poesie sein; tief in die Erde dringen ihreWurzeln, ihre Zweige geben Schatten und Obdach, ihre Blüthenaber steigen hinauf in den blauen Tag, wo sie im Abendrothstehn, an seinem Thau sich erfrischen, dann die Sterne schauenund die heilige Nacht. Ein solches Heldenleben ist in demNibelungenlied, wie es blüht in Liebe, Krieg, Zorn undLebenslust, endlich sich selbst gewaltsam vernichtet: und dar-über weht eine klare und heitre Ruhe der Dichtung, wie dieSonne auch über eine zerstörte Welt leuchtet, still und unbe-kümmert in hellem Glanz. Wer mag ohne Rührung das Treu-liche an Siegfried lesen? oder wie Rüdiger Leib und Seele hin-giebt im Kampf mit seinen Freunden, denen er die Waffen hin-