64 NATURPOESIE.
selben, als die Kunstpoesie einer gewissen Klasse, darf berück-sichtigt werden, nicht als das Resultat einer allgemeinen Volks-bildung. Das Volk sang damals ganz andere Lieder, die freilichuntergiengen, da sie im Leben und nicht auf dem Pergamentwaren, für deren Existenz wir indessen Zeugnisse haben, undwelche allein die Poesie jener Zeiten ausmachten. — Dass jeneRomane späterhin als Prosa zu Volksbüchern wurden, das hatin ganz andern Umständen seinen Grund und kann hier nichterörtert werden. Meist aus dem Französischen übersetzt, zumTheil auch nicht, sind diejenigen Gedichte, in welchen irgendein Factum, aus der spätem Geschichte oder sonst woher ge-nommen, nach der geläufigen Manier bearbeitet wurde. Hiergeht die Poesie noch mehr unter, und statt des Rittergeists istes nur eine Liebesbegebenheit oder irgend ein anderes Ver-hältnis, wovon alles ausgeht, und was geschieht, soll das nurerweitern oder zu Ende bringen; daher keine rechte Thatenlust,und alle Handlung, wenn auch durch Worte tüchtig hinauf-getrieben, steht matt und unlebendig da. Wilhelm von Orleans,einer der bessern dieser Art, hat nur einige artige Liebesscenen,Wittich vom Jordan ist sehr unbedeutend, Apollonius von Tyr-land ganz schlecht. In dem Herzog Ernst sehn die Wunder-dinge gar fremdartig aus. Eine besondere Klasse in derLiteratur, nicht in der Poesie, haben die Bearbeitungen einigerdurch die zweite Hand erhaltener griechischer und römischerGedichte, der trojanische Krieg, die Eneidt usw. Sie sindnach Art der übrigen behandelt und von gleichem Werth;die Schönheit z. B. des Homers, der nicht einmal zum Grundliegt, wiederzufinden, daran darf nicht gedacht werden. Wieauffallend vielen die Meinung sein mag, wir gestehen esoffenherzig: diese Gedichte erscheinen wiederum viel reinerund poetischer in den später manchen zu Theil gewordenenprosaischen Bearbeitungen. Hier ist durch Wegschneidungdes Geschwätzigen das Ganze strenger zusammengefasst, unddie reizend naive Sprache der eben entstehenden Prosa sprichtdas Poetische viel klarer aus, als jene oft mühsam sich anein-ander drängenden Reime. Das hat das Volk auch wohlempfunden, daher alle die Volksbücher in Prosa aufgelöst sind.