Druckschrift 
1 (1881)
Seite
62
Einzelbild herunterladen
 

62 NATURPOESIE.

zuschlagen, und selbst der frühere Bodmer mit seiner Em-pfänglichkeit für das Poetische dieser Dichtungen fand wenigGlauben bei solchen. Es konnte nicht fehlen, jener immer dochlebhafte Anstoss musste zu einer gründlichen Untersuchung an-regen, und so zeigt sich denn jetzt eine allgemeine Neigungund Lust für das Studium der altdeutschen Poesie und berech-tigt die gedeihlichsten Resultate zu erwarten. Daher dürftees in seiner Zeit und keineswegs Anmassung erscheinen, wennwir jetzt unsere Meinung über den Werth der altdeutschenPoesie, wie sie die Folge eines redlichen Studiums derselbenist, aussprechen, denn es wird vor allem nöthig sein, dass derPunkt, auf welchem sie stehen, bestimmt werde: jede Ver-kleinerung oder Übertreibung rächt die Zeit unausbleiblich.Zuerst also diejenigen Gedichte, die man unter dem Namender romantischen vernünftiger Weise begreifen kann, sinddie aus dem Romanzo übersetzten, und hier müssen wir auf-richtig gestehen, dass wir solche keineswegs für jene unüber-trefflichen Rittergedichte halten, für die sie häufig ausgegebenwerden. Der Grund selbst ist schön, aber gänzlich entstelltdurch die Behandlung. Es zeigt sich darin, was sich überallzeigen muss, sobald die Unschuld der N aturpoesie (in welchersie sicher und unbewusst auf einer Höhe steht, zu welcher dieKunst erst allmählich aufsteigen muss) verloren gegangen: jeneHilflosigkeit und innere Armuth, jener Mangel an Freiheit inBeherrschung des Stoffs. Diesem unterliegend, umfassten dieDichter niemals das Ganze, welches daher los und unbegrenztvon einander fällt: eine unbeschreibliche Geschwätzigkeit drängtsich durch die Geschichte und treibt sie, mit Vernichtung je-des Interesses, nach allen Seiten hin, wie Laune oder Zufall will.Ja, man hat durchgehends den Eindruck, als sei die Darstellungder Geschichte das ausserwesentliche, bloss vorgenommen, umdarüber reden zu können. Hierzu kommen die hart aufein-anderfallenden Reime, fast immer ohne Rhythmus, so dass dielangmüthigste Geduld dazu gehört, ein Gedicht von zwanzig-oder vierundzwanzigtausend solcher Verse durchzulesen.Was aber nun das Schöne dieser Gedichte sei? Eben jenerunverwüstliche Grund, der immer noch durchbricht, und da es