DER NIBELUNGEN LIED, HERAUSGEGEBEN DURCHFRIEDRICH HEINRICH VON DER HAGEN.
Berlin bey Unger. 1807. Ohne Dedication 598 S. gr. 8. (3 Thlr.)
Heidelbergisclie Jahrbücher der Literatur. Fünfte Abtheilung. Philologie,
Historie, schöne Literatur und Kunst. 8. Jahrgang II (1809) Band I,
Heft 4 (11), 5 (15), S. 179 — 189, 238 — 252.
Tis ist eine merkwürdige Wendung in unserer Literatur, | (T^Idass die eigentliche Poesie beständig zurückgeleitet wird zueiner Quelle, die ein fernes unzugängliches Land umschliesst,nur dort ströme sie frisch und rein, und bevor der Weg da-hin gebahnt, sei eben kein Heil zu hoffen. Sie bedenken nicht,dass sie da überall fröhlich quillt, wo sich das Leben frisch undlebendig regt, und dass, eh man zu einer neuen Poesie ge-langen könne, erst das Leben neu anzufangen sei. So wie jetzt,nachdem man die schöne Poesie der Griechen kennen gelernt,keine Scheu gehegt wird, sie kalt und gemüthlos zu nennen,und nur in Indien die Sonne leuchtete und die Erde grün war,auf dass sie gedeihen konnte, so war eine Sitte (welche dieNachahmer noch nicht ablegen wollen), die Vortrefflichkeit derPoesie unter dem Namen der romantischen in das geheimnis-reiche Dunkel des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts zusetzen, und den Lüsternen, was man selbst für zu mühsam hielt,dort nach der Quelle graben zu heissen. Auf der andern Seite,wo man das schöne Streben einer neuen Zeit nach Freiheitund Erkenntnis aus Stolz oder Verstocktheit nicht anerkennenwollte, fährt man fort, mit noch geringerer Einsicht jenen Er-zeugnissen des Mittelalters einen nur sehr relativen Werth fürHistorie oder Sprache beizulegen, nicht ohne sich selbst undalle diejenigen zu bedauern, die sich eines so peinigend müh-samen Studiums unterziehen müssten. Man braucht, um dieseAnsicht zu finden, nur irgend ein literarisches Handbuch nach-