Druckschrift 
1 (1881)
Seite
56
Einzelbild herunterladen
 

56 WISSENSCHAFTLICHE ANFÄNGE.

die einfach, voll und recht ihre Blätter aaswächst. Dann kommteine Zeit, die sie gefüllt sehen möchte, aber oft wird dadurchdie ursprüngliche Gestalt fast ganz zerstört, das gesetzlicheAuswachsen des Einzelnen verhindert, und wen nur das ergötzt,was unmittelbar und in sich vollkommen lebt, der sucht nachjener ersten einfachen Form zurück. Die epische Dichtung istüberall ein klarer, stillfliessender Strom gewesen, in dem dieSonne sich gern beschaut, der vom Sturm bewegt, auch wohlgrosse, brausende Wellen geschlagen, aber nie kunstreich auf-gesprungen ist. Auch hier erscheint die Sage schon künstlichgeleitet und auf mancherlei Weise verwickelt, wovon die Dar-stellung an verschiedenen Orten recht eigentlich gedrückt wird:es ist so vieles zu erklären und in Zusammenhang zu bringen,wovor die reinen Worte der Erzählung zurücktreten müssen.So geschlossen wie im Tristan ist das Ganze nicht und hinterlässtals solches keinen so befriedigenden Eindruck. Redet man da-gegen von Einzelheiten, wo die schlichte Sage zum Wortkommt, so mag dies Gedicht sich gar wohl jenem geleichen,Vieles ist sehr gut, manches ungemein trefflich dargestellt, wiedie einzelnen Abenteuer des Parcivals, vor allen wie er zumAnfortas gelangt und der Gral vor ihn getragen wird. Inlieblicher Ausführlichkeit ist auch die Erzählung, wie Gawannach dem Kampf mit den Ungeheuern von Marvale ermüdetniedergesunken ist. Eine Jungfrau sieht oben durch ein Fensterund ihr lichter Schein wird bleich, als sie ihn wie todt da liegensieht. Zwei werden abgesendet zu sehen, ob er noch lebe,eine bindet ihm den Helm ab, ein kleiner Schaum liegt vorseinem rothen Mund, sie will warten, ob er noch athme, dasliegt im Streit, sie reisst Haare aus ihrem Zobel und hält sieihm vor die Nase, da regt sie der Athem. Dann muss die Ge-spielin schnell Wasser holen, sie schiebt ihr Fingerlein ihmzwischen die Zähne und giesst Wasser nach, sanft und immermehr, doch nicht zu sehr, bis er die lichten Augen aufschwingt,den zwei süssen Kindern Dank sagt und Dienst entbietet.

Auch nicht so reich an Bildern ist der Parcival wie derTristan, noch sind sie so ausgeführt und gleichsam in dieDichtung hineingeschmolzen wie dort. Zum Theil liegt dies in