OSSIAN UND PARZIVAL. 55
geben, sie kommt zu ihm in der Nacht, legt sich neben ihn,und er verspricht ihr, sie nicht zu berühren, und als sie ihmvermählt worden, lässt er sie noch drei Nächte eine Magd.Dann will er nicht für Orgeluse streiten, weil seine Frau schöner•sei. Und wie ist diese Minne lebendig in seinem Herzen: einungewöhnlicher Schnee ist gefallen, ein Falk hat eine Gans ge--stossen, drei Tropfen Blut liegen auf dem weissen Grund, da hältParcival still und versinnt sich seiner Liebe, zwei Tropfen Blutbedeuten seiner Fraue rothe Wangen, der dritte das Kinn.Nichts kann ihn von diesem Sinnen abwenden, bis Gawan einFeiel auf das Blut wirft, oder, wie es noch schöner in eineranderen Recension heisst, bis die Sonne den Schnee weg-freschmolzen. Auf derselben Stätte aber, wo über den dreiTropfen sein Herz in Liebe sich geregt, da findet er seine ge-liebte Conduiramur und die beiden Kinder, die sie ihm geboren,ruhend und schlafend in einem lichtsüssen Frühling wieder,gleichsam als sei in Blüthe ausgebrochen, was dort gesät war.
Steht Gawan nah vor uns in einem blumen- und quellen-reichen Thal, Parcival höher auf Bergen, wo seltnere, aber auchköstlichere Pflanzen wachsen, vom Morgenroth beschienen, dasdorthin nicht dringt, so ist der heil. Graal und sein Mysteriumdiese Morgensonne selbst, die lichtglänzend, geheimnisreich undwunderbar in das Gedicht hineinleuchtet. Zu ihr ist der Heldgewendet wie jene Blume, die unwillkürlich ihr Haupt nach ihr-dreht. Nicht so gegenwärtig wie im Titurell ist der Graal hier,mehr wie ein fernes Ziel erscheint er, doch sehen wir ihn ein-mal in überherrlicher Pracht hervorgetragen, Anfortas, den siech-wimden, wie er zu einem frischen Jüngling genest; Trevrizent,der arm lebt, um Gott zu dienen. Auch Sigune erblicken wir,klagend um ihren geliebten Todten, eine Klage, wie sie tiefer,rührender, königlicher die Welt nicht vernommen.
Im Anfang waren diese Sagen einfach, in sich und ihrerBedeutung reich, jedem klar und auch unergründlich. Hätteder Geist je ein Ziel erreicht, um dabei zu ruhen, so mussteer hier stehen bleiben bei dem, was keines Zusatzes bedurfte,um besser zu werden und keiner Erklärung um deutlicher. Mankann den epischen Ursprung der Poesie einer Blume vergleichen,