SELBSTBIOGRAPHIE. 9
lingsbuch, dessen verschlungene Begebenheiten und vielfältigeCharaktere sie sehr wohl behalten hatte; manchmal bei rechtheiterer Stimmung sagte sie uns Stellen aus Gellerts beschämterSchäferin vor, worin sie als Kind eine Rolle gespielt hatte. —Ich habe zu dem, was Jacob von unserm Aufenthalte in Cassel,wohin wir im Herbste 1799 [1798] geschickt wurden und wo wirdas Lyceum besuchten, erzählt hat, Weniges hinzuzufügen. Eineältere Schwester der Mutter sorgte dort für uns so liebreich,wie die Mutter selbst. Ich war eifrig im Lernen, wie es auchsehr nöthig war, aber der Übergang zu dieser sitzendenLebensweise, denn der ganze Tag war mit Lehrstunden besetzt,wirkte nachtheilig auf meine bisher so feste Gesundheit. Nacheinem an sich gar nicht heftigen, glücklich überstandenen Anfalldes Scharlachfiebers fieng ich an über beschwerten Athem zuklagen, wozu sich bald Schmerzen in der Brust gesellten. Obmein schnelles Heranwachsen auch Schuld hatte, wie man ver-sicherte, weiss ich nicht, aber wir Geschwister hatten meistalle Vater und Mutter, die eher von kleiner Statur waren,überwachsen. Die Lehrstunden hatten dabei ihren Fortgang,und der Weg nach dem Lyceum ward mir oft sehr sauer, wennmir der kalte Wind, der über den Friedrichsplatz oft herzieht,entgegenblies. Sammlungen mancherlei Art wurden angelegt,auch aus Büchern, die wir uns nicht kaufen konnten, Excerptegemacht; die reinlich geschriebenen Hefte sind lange Zeit auf-bewahrt worden. Als die Zeit heranrückte, wo wir die Uni-versität beziehen sollten, war ich einem so heftigen Anfall vonAsthma ausgesetzt, dass nur durch sehr starke Mittel die ganznahe Gefahr abgewendet wurde. Ich durfte nach dieser Krank-heit ein halbes Jahr lang das Zimmer nicht verlassen, dasZeichnen war meine einzige Erholung, aber dazu ward mirtäglich nur eine kurze Zeit gestattet, ein reinlich ausgeführtesBlatt ist noch aus jener Zeit übrig, an die ich selbst mit einigemBehagen denke. Ich glaube Krankheiten in diesem Lebens-alter können bildend wirken: die Nächte, in denen man ver-geblich auf Schlaf hofft, die Stunden, in welchen Beschäftigunguntersagt oder unmöglich ist und welche der Selbstbetrachtungzufallen, führen schneller zum Bewusstsein und zur Erkenntnis