8 BIOGRAPHISCHES.
gewesen. Über beiden zwischen dem Altar und der Kanzellag die Grossmutter, und so war der Grossvater zwanzig Jahrelang jeden Sonntag über ihr Grab zur Kanzel geschritten. Diejetzige Zeit scheut dergleichen Erinnerungen, mir scheint eswürdiger, das Andenken der Verstorbenen auf diese Weise zuehren. Der Grossvater selbst war auf den vor der Stadt an-gelegten Kirchhof begraben worden, das wusste ich und fanddort seinen Leichenstein, auf welchem eine kurze Erzählungseines Lebens steht. Er war 47 Jahre an demselben OrtePrediger gewesen. Wie beneidenswerth schien mir dieses Loos;ein segensvolles Amt, Liebe und Achtung der Gemeinde, Müssezur Betrachtung und zum Nachsinnen und ein lebendiges undfreudiges Gefühl des Daseins. Ich suchte auch den Gartenauf, den die Eltern ehemals besessen hatten. Der Baum standnoch, an welchem der weisse Mantel der Mutter zu hängenpflegte, den wir von weitem sahen, wenn wir nach beendigterSchule nachkamen, und es war mir, als sähe ich sie selbstlangsam über die Wiese hergehen. Als ich mit diesen Er-nnerungen in dem Garten auf und ab gieng, kam ich mir selbstwie ein' abgeschiedener Geist vor, der zu der ehemaligen Hei-math wieder einmal zurückgekehrt ist. Ob das heftige Gefühl,das mir die Seele erfüllte, Schmerz oder Freude war, weiss ichnicht, es war wohl beides zugleich. Die Liebe zu meinerMutter ist noch jetzt, nachdem sie länger als zwanzig Jahreim Grabe liegt, unvermindert in meinem Herzen, der Traumführt mich manchmal zu ihr hin, sie sitzt meist, wie in denletzten Jahren ihres Lebens, auf einem kleinen Teppich voreinem Arbeitstischchen, reicht mir die magere, aber sanfte Handund fragt, warum ich so lange nicht bei ihr gewesen sei?Hätte es Gott gefallen, ihr Leben zu verlängern, welche Freude,wenn wir ihr die mühseligen, uns geopferten Jahre mit ebenso viel stillen und ruhigen hätten vergelten können. Alte Leutekehren wohl, wenn keine Sorge und Arbeit sie mehr unter-bricht, zu den Beschäftigungen der Jugend zurück, sie pflegenBlumen, einen Lieblingsvogel, und die Bücher, die der ernsteDrang des Lebens ihnen verschlossen hatte, werden wiedergeöffnet. Die Mutter las gerne , der Grandison war ihr Lieb-