SELBSTBIOGRAPHIE. 7
tragen, ein Theil des Schlosses, den noch die Mutter des ver-storbenen Kurfürsten (eine Prinzessin von Engelland, TochterGeorgs II.) bewohnt hatte, war in der französischen Zeit in einGefangenhaus verwandelt und die Fenster vergittert worden.Wir fühlen es nicht immer, wie unaufhaltsam alles versinkt,aber ich kann mich der Bewegung nicht erwehren, wenn eineErinnerung mich auf einen Augenblick in eine längst unter-gegangene Zeit, die andern Schmerz und andere Freuden hatte,mitten hinein rückt. Der Vater hatte mir erzählt, dass als er,/noch ein kleiner Knabe, nach dem Tode seiner Mutter derLandgräfin begegnet sei, sie theilnehmend gefragt und angehörthabe, warum er Trauerkleider trage. Dabei fiel mir ein, dass,als der verstorbene Kurfürst einmal in dem Städtchen ange-langt und in dem Schloss abgestiegen war, ich von dem Amts-diener auf die Mauer gehoben wurde, um den Herrn bessersehen zu ' können. Er zeigte sich auch wirklich in der glän-zenden Uniform am Fenster und war ein schöner Mann inseinen besten Jahren. Einige Jahre vor seinem Tode mussteich ein paar Tage lang den Dienst in seiner Privatbibliothekzu Wilhelmshöhe versehen, er war ein Greis und klagte überinnern Frost, aber mit sichtbarer Belebung und Freude erzählte«r bei zufälliger Veranlassung, wie er in seiner Jugend mitseiner Mutter, eben jener Landgräfin, seine erste Reise an denPJiein gemacht habe und verlangte, ich sollte ihm ein Buchmit Bildern aus diesen Gegenden herbeiholen, in welchem erlange blätterte. — Ich liess mir die Schlüssel zu der Kirchebringen, in welcher der Grossvater vor etwa hundert Jahrenseine Antrittspredigt gehalten hatte, und gieng ganz alleinhinein. Die Sonne schien durch die hohen Fenster auf denganz mit Leichensteinen bedeckten Fussboden der Kirche, wo-von mehrere in das 16 te Jahrhundert gehörten. Auf dreien,gerade vor dem Altar, fand ich die Namen meiner Familie:zwei Brüder des Vaters lagen da (er war der einzig übrig ge-bliebene), einer, der Friedrich hiess, war in der Jugend ge-storben, und eine lateinische Inschrift gedachte der ungewöhn-lichen Gaben des Kindes und des tiefen Schmerzes der Elternbei seinem Verlust; der andere war schon Prediger in Hanau