4 BIOGRAPHISCHES.
einer kinderlosen Wittwe, die in unserer Nähe wohnte, denandern zu den Eltern der Mutter. Die Tante war eine ver-ständige, wohlmeinende, aber ernste Frau, die uns den erstenUnterricht gab und einen grossen Einfluss ausübte, da ihreAutorität unbedingt galt. Sie hieng mit grosser Liebe an unsermVater, den sie als ältere Schwester in der Jugend gepflegthatte, und als dieser zum Justizamtmann in Steinau ernanntwurde, verkaufte sie ihr Haus in Hanau und zog mit dorthin.Sie hat ihn auch nicht lange überlebt. Die Festigkeit ihresGeistes verliess sie nicht, bis zu ihrem Ende. Li der Nacht,wo sie die Annäherung des Todes fühlte, bat sie die Mutter,ihr ein Gebet vorzulesen; die Mutter fieng das Gebet .einesKranken an, „nein, Frau Schwester, sagte sie, suchen Sie dasGebet eines Sterbenden auf." Sie hatte eine Vorliebe für Jacob,ohne minder theilnehmend für uns übrige Geschwister zu sein,vielleicht trug die Ähnlichkeit mit dem Urgrossvater FriedrichGrimm, die ein erhaltenes Ölbild ausser Zweifel setzt, dazubei, vielleicht auch die frühe Äusserung natürlicher Anlagen.Die Mutter erzählte wenigstens gerne, er habe schon lesenkönnen, bevor andere Kinder anfangen zu lernen, und eineganze Gesellschaft so sehr in Verwunderung gesetzt, dass allesich hätten überzeugen wollen, ob er wirklich aus einem Bucheablese. Zu den Grosseltern giengen wir nicht täglich, wie zuder Tante, aber doch ein paarmal in der Woche zu bestimmtenTagen. Zwei Ölbilder aus jener Zeit vergegenwärtigen unsihre Züge auf das lebendigste. Der Grossvater, KanzleirathZimmer, schon damals hoch bejahrt, lebte im Ruhestand. Erwar um die Person des Landgrafen Wilhelm VIII. gewesen,als der siebenjährige Krieg diesen Fürsten nöthigte, sein Landzu verlassen, und eine gleichmässige Freundlichkeit, Milde undNachsicht war ihm wohl aus dieser Stellung eigen geworden.Er starb oder vielmehr er schlief ohne Krankheit ein imJahr 1803 in einem Alter von fast 90 Jahren, noch im vollenBesitze seiner Geisteskräfte; die Grossmutter war ihm, dochauch schon sehr bejahrt, vorangegangen. Beide behandeltenuns mit jener grossen Zärtlichkeit, die Enkeln gewöhnlich zuTheil wird, und ich erinnere mich noch sehr gut, wie der