SELBSTBIOGRAPHIE. 5
Grossvater, wenn wir späterhin ihn von Steinau aus besuchten,oft stundenlang sich zu uns setzte, seine zitternde Hände aufden Tisch legte und zusah, wie wir aus Niebuhrs arabischerReise die Kupfer kopierten. Bis zu seinem Ende, als er dieFeder nur noch mit Mühe halten und nur mit grosser An-strengung schreiben konnte, ertheilte er uns in Briefen die lieb-reichsten Lehren. — Des Abzuges der Eltern nach Steinauerinnere ich mich noch als eines wichtigen Ereignisses; ichsass im Wagen auf einem Kästchen zu Füssen der Mutter undsah den blühenden Weissdorn an den Fenstern der Kutschevorbeieilen, wenn diese zwischen Hecken hinfuhr. Ich kannübergehen, was Jacob schon von unserm Aufenthalte in Steinauerzählt hat. Ich erfreute mich in der ersten Jugend der voll-kommensten Gesundheit und that es darin allen Geschwisternzuvor; ich erinnere mich nicht einmal eines leichten Ubel-befindens und selbst die Blattern, an welchen wir Geschwisteralle darnieder lagen, konnten mir nichts anhaben. Jacob warvon dieser furchtbaren Krankheit heftig ergriffen, das ganzeGesicht, auch die Augen waren bedeckt, und fünf oder sechsTage lag er völlig erblindet. Ich weiss noch, wie er nachseiner Genesung zum erstenmal an einem sonnigen Tagespazieren gefahren wurde und mit dem fleckigen und narbigenGesichte, aber ganz unentstellten Zügen im Wagen sass. DieNarben sind hernach bis auf wenige Spuren völlig verschwunden,und der natürliche Ausdruck hat im mindesten nicht gelitten.Die Gegend von Steinau hat etwas angenehmes. Oft sind wirzusammen in den Wiesenthälern und auf den Anhöhen umher-gegangen; der Sinn für die Natur mag uns, wie Vielen, ange-boren sein, aber er ist doch auch auf diese Art genährt undbegünstigt worden. Noch jetzt weiss ich nichts, was so sicherdie friedliche Stimmung der Seele, in welcher alles Glückberuht, hervorrufe, als ein einsamer Spaziergang, wo kein Ge-spräch und Unterhaltung uns an die Bemühungen des Lebenserinnert und wir die Natur frei auf unsere Gedanken wirkenlassen; ungesucht und unerwartet ist mir hier oft das Beste ein-gefallen. Darum gewöhne ich mich auch am letzten an eineneue Gegend, und unter so manchen schönen Punkten, die ich