628 BERICHT ÜBER DIE LANDSTÄNDE IN HESSEN.
Hindernissen aufs Neue aufgetauchte Anhänglichkeit der Hessenan ihr Fürstenhaus kennt und die rührenden Äusserungen da-von in einer Reihe von Jahren mit angesehen hat, der fühltmit Schmerz, dass hier eine der herrlichsten Eigenschaften desVolkes gefährdet ist.
Unter diesen Umständen kann freilich die Stimmung inCassel nicht erquicklich, nicht erheiternd sein. Wer wird auf-richtige Theilnahme an den grossen Interessen der Gegenwarttadeln? im Gegentheil, sie ist lobenswürdig, aber der Parteigeistist ein Übel, das in die geselligen, selbst in die Familien-Ver-hältnisse eindringt. Da gehen die schönsten Eigenschaftenunter. Wer die höchste Gewalt in Händen hat, übt immereinen starken Zauber aus; die, welche darin befangen sind,fügen sich nach und nach in die Umstände, wissen sie zu ver-schönern und endlich sich völlig damit auszusöhnen. Wir habendas bei der vorigen Regierung schon in allen Abstufungen sehenkönnen. Auf der anderen Seite, wer ein Paar Mal den ana-tomischen Vorlesungen eines gewandten Theoretikers über den139B Staatskörper beigewohnt hat, glaubt sich zum Urtheil hinläng-lich befähigt. Jede Kleinigkeit ist dann von unabsehbarenFolgen; verborgene Pläne, geheime Absichten stecken in jedemhingefallenen Worte. Der Eifer, der sonst über die Vorzügedieses oder jenes Sängers der deutschen oder italienischen Mu-sik stritt, entzündet sich jetzt an anderen Dingen von gleicherWichtigkeit. Lässt ein lebhaftes Mitglied der Stände das Ge-schick der Freiheit von dem Verbot abhängen, einen kriegerischgezogenen Schnurrbart bei einer goldgestickten Uniform zutragen (auf den Südseeinseln zieht man noch unbefangenerWeise einen englischen Frack auf' den blossen Leib), so er-muthigt sich die schwächste Seele, ergreift Partei in der ernstenLebensfrage, und der anmuthige Gedanke, der in der Stände-versammlung nur ein Lächeln erregte, entzweit die verschiedenDenkenden im bitteren Ernste.
Seit dem 7. December v. J. herrscht eine Spannung zwischendem Militär und den Bürgern, die nicht leicht ausbleibenkonnte. Wer sie absichtlich nährt, ladet eine grosse Verant-wortlickkeit auf sich. Es steht zu hoffen, dass diese Spannung