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4 (1887)
Seite
625
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BERICHT ÜBER DIE LANDSTÄNDE IN HESSEN. 625

Richtung einzuhalten und einer natürlichen, weniger forttreibendenEntwickelung Platz zu lassen. Selbst bei wohlmeinenden, inder Verwaltung thätigen Männern bildet sich eine Oppositiongegen die Verfassung. Die absolute Gewalt wirkt ohne Zweifelschneller, und redliche, den Missbrauch der Gewalt hassendeBeamten fühlen sich gehemmt, wenigstens genirt durch die Ver-fassung, die ihnen nur eine unnöthige Fessel erscheint. Indieser unbehaglichen und ärgerlichen Stimmung werden sie un-fähig, den gegenwärtigen Zustand zu beurtheilen und strebenselbst unwillkürlich dagegen. Gelangt gar die Gewalt einmalin die Hände heftiger Parteimenschen, und wer mag behaupten,dass nicht grössere Ereignisse so etwas schnell herbeiführenkönnen? so ist an eine Mässigung nicht zu denken; sie werdenalles ohne Gnade niederreissen und sich dessen rühmen.

Es kann nicht meine Absicht sein, eine Geschichte derlandständischen Verhandlungen zu liefern, aber ein Paar Bei-spiele müssen doch zeigen, wie das Gesagte gemeint sei. Inder Ernennuug der Offiziere ohne Zuthun des Kriegsministerslag freilich eine Verletzung der Verfassung; das Hess sich leichtdarthun. Auch mögen noch -unerfreuliche Umstände damit ver-bunden gewesen sein, aber an sich war man zu weit gegangen,und dazu hatte der aus einer modernen Theorie entsprungeneBegriff von Staatsdiener verleitet. Ueber das stehende Militärmuss dem Fürsten völlig freie Gewalt bleiben, wenn es in jedemAugenblick die volle Kraft äussern soll, die sein besonderer Be-ruf fordert. Sollten, wie versichert wird, die Landstände dieAbsicht haben, auf eine Verminderung unseres Militärs zudringen, so wäre dies abermals ein Beweis von der Verdunklungdes praktischen Blickes durch ein System. Niemand wird inAbrede stellen, dass aus einer verhältnismässigen Reduktion desHeeres in allen Staaten eine wesentliche, wohl die grösste Er-leichterung, die unserer gedrückten Zeit überhaupt möglich ist,hervorgehen könne, aber wer die gegenwärtige Weltlage bedenktund weiss, wie leicht der durch politische Künste eingefangeneKrieg die dünnen Stangen durchbrechen und nach aller Lustwüthen kann, der wird nicht glauben, ein so tüchtiges Militär,wie das hessische ist, irgend zu verringern sei eine zeitgemässe,

W. GRIMM, KL. SCHRIFTEN. IV. 40