Druckschrift 
4 (1887)
Seite
616
Einzelbild herunterladen
 

616 EINLEITUNG ZUR A'ORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK.

artige Wesen; mich widert es an, mehr Beispiele zu geben.Dazu kommen noch die den philosophischen Schulen .abge-borgten Ausdrücke, die man in die allgemeine Sprache an denHaaren herbeizieht. Dort sind sie nicht zu entbehren; hiervernichten sie die frische Sinnlichkeit der Sprache. Da ist vondem Objektiven und Subjektiven die Rede, ein Gegensatz, derwie ein Haifischrachen alles ohne Unterschied hinabschlingt, wasihm vorkommt, oder von dem Absoluten, das an allem, was vor-handen ist, noch nicht genug hat. Wenn Geistesarme mit solchenerborgten Lappen, ihre Blosse bedecken wollen, so empfindetman nur Mitleiden; sie schaden nicht: aber wenn die, welchefähig sind, die Sprache, eins der edelsten Güter eines Volkes,auf eine würdigere Weise zu gebrauchen, [so verfahren,] so wirdman zornig. Und was ist es für ein Grund, der sie bestimmt,mit diesem Mischmasch die Sprache zu verunreinigen? Mangelan Gefühl von dem Werth und der Würde der Sprache, Gleich-gültigkeit gegen das Vaterländische, Schluderhaftigkeit, mitunterauch Hoffart und albernes Vornehmthun. Sie nagen, wie Ge-würm, in dem lebendigen Baum und bringen seine Säfte inStockung. Sie, m. H., sind noch nicht von der Gewohnheitbefangen. Sie werden das Verderbnis noch von sich halten'.

Wie ist dem Widerstand zu leisten? Gebrauchen Sie dasgesunde sinnliche Wort, das den Begriff noch stark und frischumschliesst. Geniessen Sie lieber die saftige Frucht als denabgezogenen Spiritus. Halten Sie sich die allgemeinen, unbe-stimmten, um den Gedanken schlotternden Redensarten vomLeib. Jede aus der Seele strömende Rede ist bilderreich; dasBild, das ungesucht sich darbietet, dringt geradezu auf denZuhörer ein, aber meiden Sie die abgenutzten, zumal süsslichenGleichnisse, die wie abgegriffene Münzen durch alle Händegehen. Das Wort muss den Gedanken scharf und rein ausprä-gen, lieber etwas zu eckig als zu glatt und unbestimmt; dasrechte Mass der Schönheit wird sich bei dem Fortschritt derBildung von selbst einfinden. Legen Sie nicht Hand an dieüberlieferte Sprache, denken Sie nicht daran, ihr Gesetze gebenzu wollen: der gemeinsame Geist des ganzen Volkes, der sichin einem wahren Dichter am deutlichsten offenbart, bildet sie