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4 (1887)
Seite
614
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614 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK.

keit. Sie bildet sich bei denen, aus welchen der Geist unmit-telbar redet, zumeist daher bei den Dichtern, aus einem innerenDrang weiter, aber sie verschmäht die Gesetzgebung des be-rechnenden Verstandes, einer bewussten Absicht. Wie keineneue Pflanze mehr entsteht, so ist auch niemand im Stande, eineneue Sprachwurzel zu erfinden. Nur verlieren kann man sie,wie eine Anzahl in dem Lauf der Jahrhunderte zu Grund ge-gangen ist, andere nur in einzelnen Formen sich kundgeben.Nur in Zusammenfügungen, in der Anwendung des Vorhan-denen , in dem kühneren Gebrauch der Formen bildet sich dieSprache weiter, aber sie gewinnt auch hier selten, ohne zu-gleich an ihrem grammatischen Bau einzubüssen. Die Klageüber diesen Entwickelungsgang ist unnütz; auch hier waltetein Naturgesetz. Pflegt doch auch ein Volk, wie der einzelneMensch, oft an seinem Charakter zu verlieren, wenn es an Be-hendigkeit des Geistes gewinnt.

Die deutsche Sprache (das Wort »deutsch« in der allge-meinsten Bedeutung genommen, so dass es auch die gothische,angelsächsische und nordische Sprache umfasst) ist mit der la-teinischen, griechischen, persischen und dem Sanskrit gleichsamim Blute verwandt, auch die slavische und lettische zeigen un-verkennbar Zusammenhang, wenngleich in weiter zurücktreten-den Graden: wahrscheinlich wird ihn auch das Keltische zeigen,'wenn es in dem erhaltenen Gälischen besser erforscht ist. Allediese Sprachen gehören Völkerstämmen, die nach und nach invorgeschichtlichen Zeiten von dem Caucasus ausgezogen sind.Sie sind alle einer gemeinsamen Wurzel entsprungen, keine istvon der andern abzuleiten, jede zeigt heben der Verwandtschaftihr eigenes Leben. Sie setzen eine Ursprache voraus, die nichtjetzt erst den Blicken sich entzogen hat: sie war schon zu derZeit vorhanden, wo die ältesten erhaltenen Denkmäler jenerSprachen beginnen. Dieses Ergebnis ist durch Forschungenausser Zweifel gestellt; Partikeln, Zahlwörter, Pronomina legendiesen Zusammenhang noch am deutlichsten dar, aber es gibtauch nicht wenige einzelne Wörter, die gemeinschaftlich sind.Oberflächlicher Betrachtung erscheinen diese als erborgt, undzwar aus der nächstliegenden lateinischen Sprache, aber z. B.