Druckschrift 
4 (1887)
Seite
613
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. 613

kein Volk abgeschlossen für sich bestehen: in der Berührungmit anderen entwickeln sich die besten Kräfte, wird man seinerEigentümlichkeit sich erst bewusst. Welch einen belebendenEinfluss hat der englische Shakespeare auf Deutschland aus-geübt! Wie oft hat sich der deutsche Geist, wenn er verwirrtoder versunken war, an dem reinen Muster der Griechen auf-gerichtet und gestärkt! Wer sein Licht einsam brennt, kannes nicht bei dem Nachbar wieder anzünden, wenn es der Windausgelöscht hat. Wenn das eine Volk bei dem anderen Dingekennen lernt, die es zu Hause nicht findet, Begriffe, die ihmfremd sind, so ist auch natürlich, dass die fremden Ausdrückemit herüber kommen. Haben wir doch, um ein Beispiel anzu-führen, kein deutsches Wort, das dem von den Griechen empfan-genen »Idee« entspräche. Unser »Gedanke« ist ein viel engerer,beschränkterer Begriff und bezeichnet nicht die Lichtstrahlen,die unmittelbar aus der Seele des Menschen aufsteigen. Ge-danken hat der beschränkteste, aber Ideen gehen nur von einemhöher begabten Geiste aus. Die Kunst, die Wissenschaft inder Form, in der sie überliefert wird, jedes Gewerbe hat seinetechnischen Ausdrücke, die jedermann kennt und versteht. Wennman sie durch neuerfundene Worte übersetzen will, so machtman sie in Wahrheit nur unverständlich. Wie abgeschmacktist es, wenn man den Genitiv Zeugnisfall nennt, den Impe-rativ »Befehl«, das Präsens »Gegenwart«, das Participium »Mit-telwort«. Was heisst übersetzen? Einen Gedanken in dem Geist,dem Gefühl einer anderen Sprache ausdrücken. Darf man einWort in seinem logischen Begriff (der lebendige und wahre istnie ganz durch eine Erklärung zu ergreifen, sondern er ist nurzu empfinden) fassen und in einem selbstgemachten, nur logischgebildeten, jedem andern als dem Erfinder undeutlichen Wortausdrücken? Ein solches Wort geht nicht aus dem natürlichenKreis der in dem ganzen Volk lebenden Sprache hervor undist an sich todt. Die Sprache ist kein Menschenwerk; sie hateine Seele, die ihr bei ihrer Entstehung verliehen und nichtvon einem Menschen eingehaucht ist. Sie entfaltet sich auseinem inneren, geheimnisreichen, nur in seiner ge-schichtlichenErscheinung zu erfassenden Trieb, aus einer Naturnothwendig-