612 'EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK.
Unser Weg ist ein streng philologischer. Fürchten Sie nicht,dass der Geist dabei abhanden komme. Wer ihn wirklich be-sitzt, dem geht er darüber nicht verloren. Auch dem Bild-hauer tritt erst aus mühevoller Arbeit, nach unzähligen Schlä-gen auf den Meissel das reine Bild hervor. Zu einer solchenArbeit fordere ich Sie auf. Ich werde mich bemühen, das Ein-zelne zu erklären; gelingt es mir nur, das Richtige zu treffen,so werde ich niemals trocken sein. Ein ungefähres Verständnis,ein halbes Errathen, ein unruhiges Hin wegeilen gewährt nichtsals ein scheinbares Trugbild, das auseinandergeht, wenn manes fest anfassen will.
Wohin ich zugleich zu wirken trachte, das ist das richtigeGefühl für unsere Sprache. Auf welche Abwege sind wir ge-rathen! Ich rede nicht von dem athemlosen Treiben nach dem,was man geistreiche Gedanken nennt, nach der Sucht, sichdamit zu versteigen, so weit hinauf 'zu versteigen, dass manden Rückweg nicht wieder findet, oder von der Geringschätzung,mit der man auf schlichte und reine Worte sieht; davon wirdsich der deutsche Geist, der keine Aufschneiderei duldet, schonwieder befreien. Ich habe zunächst die äussere Gestalt unsererSprache im Sinn, die, wenn sie einmal gestört und entstellt ist,so leicht nicht wieder in die rechten Fugen kommt. Wie istsie verrenkt worden! Welche Mischung mit fremden Wörternund Wendungen! Das taube Gestein hat sich, zwischen dasedle Gold gedrängt. Wer doch die Schaufel hätte, um denWust über die Tenne zu werfen, damit die Spreu im Winddavon flöge und das reine Korn unserer edlen Sprache beisam--men läge! Luther sagt: »die Sprache ist die Scheide, in wel-cher das Schwert des Gedankens steckt«. Man hat die Scheideabgezogen, und der schlecht bedeckte Stahl wird von demDunst gemeiner Rede berührt, rostet und muss erblinden. Stattdass das Wort sich fest an den Gedanken schliessen sollte, wirder von schlottrigen, ungewissen, schwebelnden Ausdrücken ver-hüllt. Die Worte verlieren ihre sinnliche und leibhafte Bedeu-tung und geben uns abgezogene, inhaltlose Begriffe.
Auch die, welche sich Puristen- nennen, haben mehr ver-dorben« als gefördert. Wie kein einzelner Mensch, so kann auch