EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. ßll
weiter fördern. Ich habe Ihnen noch Einiges über den Zweck,über die Art und Weise meiner Vorlesungen zu sagen.
Das letzte Ziel dieser Vorlesung ist kein anderes, als dasich bei meinen übrigen im Auge gehabt habe. Ich wünscheSie in den Geist des deutschen Alterthums so lebendig und wahr-haft, als es in meinen Kräften steht, einzuführen. Nicht blossauf Gelehrsamkeit ist es abgesehen, dietodtist, wenn sie nichtsals sich selbst sucht; ich möchte dazu beitragen, dass Sie ler-nen die Gegenwart auch aus clor Vergangenheit, mit der siedurch unzählige Fäden zusammenhängt, zu erkennen. Mangräbt einen verschütteten Brunnen auf, nicht damit jemand aufdem Wasserspiegel sein eigenes Gesicht wohlgefällig beschauenkönne, sondern damit seine Quelle heraufdringe und den Bo-den, da wo er dürr und unfruchtbar geworden ist, tränke undbefruchte. Nicht zu einer seelenlosen Nachahmung stelle iches auf, der sich der freie Geist des Menschen niemals unter-wirft; nicht die Sonne allein, der günstige Himmel, wenn ihndas Geschick über uns ausbreitet, kann das Gedeihen der Pflanzesichern, sie muss auch aus der Tiefe ihre Säfte ziehen undTriebkraft empfangen. Die Geschichte ist, der Roden unter uns,in dem wir Wurzel schlagen. Unsere Arbeit besteht darin, dasswir die Steine hinwegschaöeh, die Gleichgültigkeit oder Unver-stand darauf geworfen haben. Wer sich von der Geschichtewegwendet, eine Gesinnung, die häufig genug bei uns in dieserZeit auftaucht, ja gerühmt und gepriesen wird, wer jeden Tagvon Neuem beginnt und mit dem Abend beschliesst, der gleichtjenen gespenstigen Wesen Rübezahls, die den Schein des Lebenseinen Tag annahmen, aber mit der einbrechenden Nacht wiederverwelkten.
Aber der Weg zu diesem Ziele ist kein leichter. Nichtmit ein Paar allgemeinen, in den Nebel unbestimmter Wortegestellten Redensarten gelangt man dahin: man setzt nicht mitdem Springstock über die Schwierigkeiten hinweg. Unser Wegist ein mühsames und redliches Forschen: nur durch ein ge-naues, nichts Einzelnes, keine Kleinigkeit verschmähendes Ver-ständnis eröffnet sich die letzte und die allein wahre Einsicht.
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