EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. gQ5
und deutsche Gedichte vorhanden sind. Die nächste Frage ist:hat dieser Sagenkreis sich erst zu der Zeit, wo die Mabinogiongesammelt wurden, gebildet? Der älteste Chronikenschreiber,der Mönch Gildas (geb. 520), nennt Artus nicht, auch nichtBeda Venerabilis (f 735). Zuerst gedenkt Nennius (schrieb um858) seiner; er sagt: Artus — in omnibus bellis victor exstitit,und lässt ihn eine Fahrt nach Jerusalem unternehmen. Erstbei Gottfried von Monmouth, der das altgälische Buch von demArchidiaconus Walther von Oxford (1130—1150) übersetzte,finden wir eine reichhaltige Sagengeschichte von Artus undMerlin. Aber sie enthält etwas Anderes als die Mabinogion;er nennt zwar Gawein (Gwalchmai) und Parzifal (Peredur), aberer erzählt von ihnen nicht das, was die altwalisischen Bardenvon Artus berichten (Villemarque 2, S. 327), wo er entwederals ein mythisches Wesen oder als ein geschichtlicher Helderscheint. Erst im zwölften Jahrhundert finden wir Zeugnisse,welche den Fabelkreis, wie ihn die Mabinogion darstellen, vor-aussetzen.
Nach diesen Wahrnehmungen hat Schulz seine Ansicht ge-bildet, wonach aus geschichtlichen Anlässen und aus einem ge-schichtlichen Artus der Fabelkreis der Tafelrunde hervorgegan-gen sein soll. Dieser Ansicht kann ich nicht beitreten. DieGeschichte tritt immer in die schon vorhandene Sage ein, soist es in der deutschen Heldensage z. B. geschehen, nicht aberwächst die Sage aus der Geschichte hervor, so nämlich dassdie Geschichte ihr den Grund, den Hauptinhalt liefert. DieSage bildet sich frei, und zwar zumeist aus mythischen Be-standteilen, die sich nur mehr oder minder verdunkeln, weil siegeschichtlichen Schein annehmen. Wirkliche Ereignisse webensich nur hier und da ein, wie einzelne Fäden, die in dem Gan-zen verschwinden. Betrachten wir Geist und Wesen der erhal-tenen Mabinogion, so finden wir darin mehr oder minder dieGesetze des ritterlichen Lebens, dem Einfachen und Natürlichenschon fern getretene Sitten, ein stillschweigendes Übereinkom-men für die ganze Lebensweise, dem man sich unbedingt unter-wirft, unglaubliche, mit grellen Farben ausgemalte Wunder, eineTapferkeit, die nichts als den Ruhm sucht, vor keiner Gefahr