Druckschrift 
4 (1887)
Seite
599
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. 599

eine warme, aber in Zucht gehaltene Natur und eine Gewaltder Liebe, die alle Prüfungen besteht und endlich das Geschicküberwindet. Feine Züge sind eingemischt, die uns beweisen,wie tief der Dichter in die Seele der Frauen geschaut hat.Ereks Natur ist durch den Gegensatz des rothen Ritters in einnoch glänzenderes Licht gestellt, wie dessen Geliebte durch dasÜbertriebene, etwas Unnatürliche ihrer Leidenschaft die wahr-haftere, innigere Enite erhebt. Auch wer sonst noch auftritt,der zwerghafte, aber tapfere Guivreiz, der feige Kai haben be-stimmt gezeichnete Umrisse. Hätte sich der Dichter der langenund langweiligen Beschreibung von Enitens Pferd, die über500 Verse einnimmt, enthalten, die wie ein Auswuchs das Eben-mass stört, so wäre an der gut eingeleiteten, klar sich ent-wickelnden Erzählung nichts zu tadeln. Gervinus hat das Ge-dicht ungerecht beurtheilt und seinen Werth verkannt.

Die Darstellung ist in den anderen Gedichten Hartmannsnoch ausgebildeter, der Ausdruck noch geebneter, die Sprachewie die Verskunst noch verfeinerter. Er gebraucht noch imErek volksmässige Wörter, die er dort vermeidet (sie sind vonHaupt in der Vorrede S. XV zusammengestellt). Aber durchdieses sein erstes Werk, in welchem er sich noch einen »tumbenkneht«, d. h. einen unerfahrenen Jüngling nennt, geht einejugendliche Frische, die ihm in meinen Augen einen besonderenVorzug verleiht. Darin kann ich ihm den kunstreicher aus-gearbeiteten Iwein nicht an die Seite stellen. Freilich dortwirkt die unbelebte Fabel, d. h. so wie sie in dem deutschenGedicht erscheint, ursj)rünglich mag sie besser gewesen seinund inneren Zusammenhang gehabt haben, nachtheilig. DieUnnatürlichkeit der Charaktere kann die schöne Ausführungnicht verwischen, wie die Wunder uns kalt lassen und sichnicht wahrhaft mit der Fabel vereinigen. Man kann es nichtverwinden, dass die Frau den Sieger, nachdem er ihren Manngetödtet hat, gleich zum Gemahl nimmt, und der Wahnsinn, inden dieser hernach verfällt, macht einen widrigen Eindruck.Wir können für niemand rechte Theilnahme fassen. DenGrundgedanken des Iwein findet Benecke darin, dass der Dichterhabe darstellen wollen, »wie dem, welcher mit ganzer Kraft