Druckschrift 
4 (1887)
Seite
598
Einzelbild herunterladen
 

598 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HÄRTMANNS EREK.

Ich will zunächst einige Betrachtungen über den innerenGehalt unserer Dichtung anstellen. An lebendigem Zusammen-hang, an einem idealen Mittelpunkt fehlt es ihr nicht. Sie zeigt,wie eine gänzliche Hingebung des Mannes an die Schwelgereiender Liebe die tapfere Gesinnung schwächt, endlich aufzehrt undgegen ein männliches Leben gleichgültig macht. Die Frau, dieim voraus die Gefahren befürchtete, die ihr aus der kampf-lustigen Natur ihres geliebten Mannes erwachsen könnten, siehtsich in der Lage, dass sie nicht wagt ihn zu warnen. Jetztkommt der Augenblick, der entscheidet. Ein anderer würde immertiefer versunken sein, aber Erek, als die Warnung an sein Ohrgelangt, erhebt sich mit jener Stahlkraft ausgezeichneter Na-turen, die in ihnen unthätig ruhen, aber nicht zu Grunde gehenkann. Die Rückwirkung ist heftig und treibt ihn über denrechten Weg hinaus. Er legt sich zur Strafe auf, blind undmit Hintansetzung aller Vorsicht, auch der Vorsicht, welcheeinem Ritter erlaubt war, in jede Gefahr sich zu stürzen: erprüft die Liebe und Treue der Frau auf eine zu harte und grau-same Weise. Als seine Tapferkeit sich glänzend bewährt, alsdie Gesinnung der Frau wie reines Gold an den Tag kommt,da tritt endlich Versöhnung und Beruhigung ein und führt zudauerndem Glück. Als Gegensatz zu Erek wird Mabonagrinaufgestellt. Seine wilde, riesenhafte Natur setzt ihn der Gefahrnicht aus, sich zu verliegen, aber auch er wird von der Liebegeirrt und bethört. Seine junge Frau hat ihm listig ein Ver-sprechen abgelockt, das ihn nun, wie sie glaubt, für immer beiihr zurückhalten soll, ihn aber nicht wie den Erek zum Ver-liegen, sondern zu roher Tapferkeit leitet, bis endlich durch denSieg Ereks das natürliche Verhältnis wieder hergestellt wird.

Die Charaktere haben alle bestimmte Umrisse und sindmit Wahrheit und Innigkeit, dabei mit scharfem Blick in diemenschliche Natur geschildert. Die Kraft, mit der sich Erekaus schwelgerischer Unthätigkeit aufrichtet, lässt uns schon denMann erkennen, seine edle Gesinnung bricht überall durch;selbst die Härte, mit der er seine Frau zu prüfen sich vor-gesetzt hat, kann er nicht ganz in Erfüllung gehen lassen, ermässigt jedes Mal die Strafe, die er ihr auflegt. Enite zeigt