EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. 5§3
letzt er das sittliche Gefühl, was der Dichter niemals darf.Er darf das Unsittliche darstellen, wenn es der Zweck desGanzen verlangt, aber er darf daraus nicht Ruhm und Preisdes Helden erwachsen lassen. Sein Ziel muss immer ein reinessein. Von dem, was unser Hartmann mit seinen Gedichten beab-sichtigte, ob auch er seinen Gedichten einen Mittelpunkt gab,davon wird hernach noch die Rede sein.
Wie diese drei Dichter schon in der Art und Weise, wo-mit sie den empfangenen Stoff auffassten und wenigstens Wolf-ram und Gottfried mit einem Grundgedanken belebten, ihreeigene Natur verrathen, so drückt sich diese auch in der Dar-stellung aus. Hartmann redet wie ein milder, sinnvoller Mannmit einer warmen Innigkeit: überall finden wir zarte, dermenschlichen Seele abgelauschte Züge. Seine Sprache ist inihrer Ebenmässigkeit, Genauigkeit und ruhigen Haltung viel-leicht die vollendetste aller Dichter des dreizehnten Jahrhun-derts. Wolfram lebte nicht in Frieden mit der Welt wie Hart-mann. Er betrachtet sie und ihre Gebrechen mit scharfem undfinsterem Blick. Neben reizenden Bildern liegen auch dunkele.Wolframs Rede ist eindringend, kühn, stechend. Sie brichtschnell ab oder springt keck über, verschmäht das Ungewöhn-liche, das Seltsamste nicht und wird oft so schwer und dunkel,ja, er war es schon seinen Zeitgenossen, dass sich das Ver-ständnis erst mühsamer Betrachtung erschliesst. Überall aberdringen uns glänzende Strahlen eines Geistes entgegen, dem anTiefe und Höhe kein anderer gleichzustellen ist, dem gegen-über Hartmann weichlich, Gottfried oberflächlich erscheint, sowenig beide dies sind. Im Titurel hat Wolfram eine Dichtunghinterlassen, die an Macht der Darstellung, des Gefühls und desAusdrucks sich dem Höchsten zugesellen kann. Wolfram völligentgegengesetzt ist Gottfried. Er sieht die Welt mit lachendenAugen an: er hat nicht die Tiefe Wolframs, dessen schwierigerund dunkler Ausdruck ihm zuwider ist, über dessen Art undWeise er spöttelt: er hat nicht die Innigkeit und Reinheit Hart-manns, aber er breitet alle Farbenpracht über seine Gestaltenaus und schildert sie mit einer Kenntnis der menschlichen Seeleund einer psychologischen Wahrheit, welche die grösste Be-