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4 (1887)
Seite
582
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582 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER IIARTMANNS EREK.

oft nur auf Übereinkommen beruhenden Ritterthum, mit derabenteuerlichen, nicht durch Ereignisse erregten, sondern nur aufpersönliche Verherrlichung bedachten, die Gefahr nutzlos undzwecklos aufsuchenden Tapferkeit sich nicht vertragen. DieMinne, die bei den höfischen Dichtern, wer will das leugnen?oft zart und mit tiefem Gefühl geschildert wird, sie steht mitihrer Beimischung von Bethörung, von halb abgöttischer Ver-ehrung der Frauen, die alle anderen Rücksichten bei Seite setzt,selbst die Heiligkeit der Ehe, jener schlichten, herzlichen, ganzwahrhaftigen Liebe entgegen, der wir im Volksepos begegnen:Gudrun ist das Bild einer Frau, dem an Reinheit, Tiefe undAdel der Gesinnung keins der höfischen Dichter kann an dieSeite gestellt werden, so zart und rührend auch Sigune imTiturel von Wolfram geschildert ist.

Jene drei höfischen Dichter, die Bewusstsein von ihrerKunst hatten, fühlten, dass ein Gedicht ein Ziel, einen Mittel-punkt, einen alles Übrige beherrschenden Gedanken in sichtragen muss und, wenn es ein Kunstwerk sein will, nicht zueiner bloss unterhaltenden Erzählung herabsinken darf. Amausgezeichnetsten ist in dieser Hinsicht Wolfram. Er benutztedie alte, ihm wie uns selbst in ihrer eigentlichen und ursprüng-lichen Bedeutung unverständliche Sage vom Parziväl, um einetiefsinnige, mit den edelsten Anlagen begabte Natur zu schildern,die sich in die äussere Welt und die Hemmungen, die sie ihmentgegenstellt, nicht zu finden weiss, deshalb Missgeschick er-lebt, in ihren Gedanken gestört und verwirrt wird, aber end-lich den Widerstand besiegt und glänzend durchbricht: dieserCharakter ist echt deutsch und wird in Sagen und Märchenauf verschiedene Weise ausgedrückt. Ein anderes Ziel hattesich Gottfried im Tristan gesteckt. Er wollte die Bethörungender Liebe oder vielmehr einer nichts als sich selbst mehr be-achtenden Leidenschaft darstellen. An sich war der Zaubertrank,den Tristan und Isalde trinken, wohl geeignet eine solche dä-monische Gewalt zu bezeichnen, aber wenn er beide, währendsie, von dieser blinden Gewalt beherrscht, Verbrechen auf Ver-brechen häufen, als edle und herrliche Menschen erscheinenlässt und allen Schimmer der Poesie auf sie aussiesst, so ver-