Druckschrift 
4 (1887)
Seite
581
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. 581

das Bild eines kaltphantastischen Thoren zeigt. Davon sindjene Dichter noch weit entfernt: gibt man einmal ihre Grund-lage zu, so muss man Schönes, Tiefsinniges und Reizendes inihrer Anschauungsweise erkennen; auch sind sie zu belebt, alsdass nicht überall das Natürliche sich durchdrängen sollte.Überhaupt muss man bedenken, dass was sich geltend zu machenweiss, was zu einer Blüthe gelangt und seine Zeit beherrscht,zu dem eigenthümlichen Geist eines Volkes gehört und an seinerStelle Achtung fordern kann. Aber zu dem Volksepos bildetensie doch einen entschiedenen Gegensatz. Wie dieser frei vondem gesteigerten Ritterthum einen höheren, in sich wahrhafti-geren Heldengeist athmete, so empfanden die höfischen Dichterden Werth des Volksepos nicht mehr und glaubten sich darübererheben zu dürfen, wie jede Verfeinerung sich überschätzt, ob-gleich wir aus einzelnen Anspielungen abnehmen können, dasses ihnen nicht unbekannt war. Wenn ich diesen Gegensatz sobestimmt bezeichne, so muss ich doch, um falsche Folgerungenabzuwenden, noch etwas hinzusetzen.

Die Poesie an sich kennt keine Trennung. Es gibt an sichnur eine, und wie die reine und vollendete Kunst keinem be-sonderen Stande, sondern dem ganzen Volk, ich meine dasVolk in seiner reinsten und edelsten Bedeutung, in seiner ver-schiedenen Abstufung angehört, so erfüllt auch das vollkommeneVolksepos die Forderungen der Kunst, eben weil diese Forde-rungen in der Natur begründet sind, wenn es sich ihrer auch_nicht bewusst ist. / Allein in der Erscheinung haben sie sichfast zu allen Zeiten getrennt und in dem glücklichsten Fallnur mehr oder minder genähert, am leichtesten in der lyrischenDichtung, weil sie am unmittelbarsten aus der menschlichenSeele strömt. Die Volkslieder der Serben, die reinsten undschönsten, die ich kenne, könnten als die edelsten Erzeugnisseder Kunst betrachtet werden, wie umgekehrt Goethös Liederkönnten von dem Volk gesungen werden. In dem Nibelunge-lied würde die Kunst einen strengeren Zusammenhang, einegleichmässigere Ausführung verlangen; sie würde die manch-mal allzu herbe, einige Mal an das Rohe streifende Sitte zurück-weisen; dagegen würde das Nibelungelied mit dem übertriebenen,