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4 (1887)
Seite
580
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580 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK.

An dem Ende des zwölften und mit dem Anfang des drei-zehnten Jahrhunderts sammelte und beschränkte sich die poe-tische Kraft und drängte zur Blüthe. Das Ritterthum, bei denl'omanischen Völkern entsprungen, bewältigte auch Deutschlandund bildete sich da sinnvoller und sittlicher aus. Wie aberdas Ritterthum anfieng die höheren geselligen Verhältnisse zubeherrschen, so zog auch die Poesie bei ihm ein und fand daihren Schwerpunkt. Jene drei Dichter, die ich gerne diegrossen nenne, weil erst nach mehr als einein Jahrhundert, alsGoethe und Schiller unter uns erschienen, etwas Ähnliches,ja etwas Höheres sich erhob und die Zeit kam, wo die Dichternicht einem einzelnen Stand, sondern dem ganzen Volk zu-gehörten: jene drei Dichter des Mittelalters waren alle vonAdel, hatten ein ritterliches Leben geführt und waren von denRichtungen, Gedanken und Anschauungen ihres Standes erfüllt.Jetzt, unter diesen Bedingungen, bildete sich der Gegen-satz zwischen höfischer und Volksdichtung entschieden aus, derschon bei Heinrich von Veldeke, der eine Aeneis zwischen11841189 dichtete, deutlich hervorgetreten war. HöfischeDichter heissen sie nicht in dem tadelnden Sinn unserer Zeit,sondern weil sie an den Höfen der Fürsten und des reichen,hohen Adels lebten und dort Unterstützung, wenn sie derenbedurften, fanden. Der Hof des Landgrafen Hermann vonThüringen war im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts einerder ersten, der die Dichter um sich versammelte. Die höfischenDichter waren Kunstdichter: sie schöpften aus sich selbst. Zwarden Inhalt ihrer Dichtungen fanden sie vor; denn eine Sage zuerfinden geht über die Kräfte des Einzelnen, und reine Erfin-dungen gibt es kaum in der Geschichte der älteren Poesie,oder wo sie versucht werden, sind sie ohnmächtig. Aber Auf-fassung und Behandlung, die eigentliche Belebung des über-lieferten Stoffs gieng von ihnen aus, und der Gehalt ihrerWerke hieng von der inneren Begabung des Dichters ab. Siewaren von der, wenn auch sinnvollen und geistreichen, dochzugleich einseitig hinaufgetriebenen, oft seltsamen, manchmalunnatürlichen Bildung ihres Standes abhängig, die sich später-hin noch weiter verirrte und uns in Lichtensteins Frauendienst