Druckschrift 
4 (1887)
Seite
579
Einzelbild herunterladen
 

EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER HARTMANNS EREK. 579

Entfaltung beginnt aufs Neue denselben Kreislauf. Es fehltkeiner Zeit an ausserordentlichen, tiefbegabten Menschen, aberdie ganze Entwickelung des Geistes, die äusseren Bedingungen,von welchen sie abhängt, müssen zu dem Punkt gelangt sein,dass ihnen möglich ist sich in voller Kraft zu entfalten. DieKeime der Pflanze liegen im Schosse der Erde. Sie durchbrechenauch wohl die äussere Decke; seltener wachsen sie auf in dieHöhe, und noch seltener, wenn sie auch herangewachsen sind,o-elangen sie zur Blüthe. Die Knospe, wenn sie eben auf-brechen soll, senkt das Haupt und welkt, bevor sie der WeltGlanz, Farbe und Duft hat darreichen können. GlücklicheZeiten, wo sie es vermag; sie erscheinen nicht oft. Was trägtdie Schuld? Der ungelockerte Boden, der Mangel an Sonnen-schein, an warmer, belebender Luft. Nicht an dem Einzelnenliegt sie, sondern an der Abhängigkeit von grösseren allgemeinenVerhältnissen. Die innere schaffende Kraft verleiht Gott demEinzelnen, wie ganzen Völkern; wir können nichts thun, alsuns bestreben, jeder nach seinem Vermögen, und mitwirken,damit diese Kraft zur Entwickelung gelange. Auch die Wissen-schaft hat kein anderes Ziel: sie will dem Leben Sonnenschein,reine Luft, freien Athem zuwenden. Wer sie treibt, ohne dasslihm der Geist innewohnt, ist bloss ein Handlanger.

Betrachten wir die Zeit, die jenen drei Dichtern unmittel-bar vorangieug und in den Dichtungen aus der zweiten Hälftedes zwölften Jahrhunderts sich kund gibt, so finden wir schonAnfänge und Versuche verschiedener Art, fast aller der Rich-tungen, die sich hernach ausbildeten. Mancher hat schon seineneigenthümlichen Werth, wie Crescentia, das Rolandslied unddas Gedicht von dem Grafen Rudolf, von dem sich nur grössereBruchstücke erhalten haben. Ja, wir finden noch mehr; es zeigtensich damals Triebe und Keime, die, wenn auch an sich treff-lich und lobenswerth, doch wieder zusammenfielen und ver-schwanden. In dieser Beziehung ist die Poesie jener Zeit sogarfreier und mannigfaltiger zu nennen. Die Dichter selbst warennoch nicht an einen gewissen Stand gebunden, auch die Geist-lichen dabei thätig, die sich im dreizehnten Jahrhundert davonzurückzogen.

37*