EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 571
darstellt. Jeder Theil für sich hat Zusammenhang; die Ereig-nisse entwickeln sich aus einfachen Anlässen, greifen in natür-licher Bewegung immer weiter um sich und gelangen zu einemangemessenen Schluss, der eine milde Versöhnung gewährt.Diese Zeit sucht schon eine heitere Beruhigung der Ereignisse.In dem zweiten Theil strömt aller Glanz auf die Entführungder Hilde und Horands Erscheinung. In dem dritten Theil zeigtder Aufenthalt der geraubten Gudrun bei ihren Feinden diegrösste Höhe der Poesie. Wie sie unter Herabwürdigungen allerArt den Adel ihrer Seele bis zu dem Augenblick der Erlösungunbefleckt bewahrt, das ist mit einer Kraft und Wahrheit, miteiner Innigkeit geschildert, die dieses Gedicht zu dem Schön-sten erhebt, was die Poesie je hervorgebracht hat. Es ist lau-teres Gold ohne Beimischung eines unedeln Metalls. ZarteMenschlichkeit steht zwischen der ungebändigten Kraft des altenWate: keck und unverhüllt stellt sich das Böse entgegen. DasNibelungelied, das eine Heldenwelt noch im höchsten Glanz vordem grausenhaften Untergang besingt, ist insoweit grossartiger:in der Gudrun herrscht der Gedanke an die Verherrlichung derFrauen vor, und doch zeigt sich nichts von jenem übernatür-lichen, phantastischen, bei Lichtenstein in das Alberne über-gehenden Minnedienst der höfischen Dichter. Überall ist dieGesinnung tüchtig und gesund: sie ist nicht durch jene Ver-geistigung umhüllt, die uns reizt, die aber keine unmittelbareWahrheit in sich trägt. Indem wir tiefere Blicke in das innereLeben, den häuslichen Zustand thun, darf man nicht mit Un-recht unser Gedicht mit der Odyssee, das Nibelungelied mitder Ilias vergleichen.
Die Charaktere sind, wo nicht schärfer, doch feiner undzarter angegeben und wirken entscheidender auf die Begeben-heiten ein als im Nibelungelied. Die von Löwenblut genährteTapferkeit Hagens unterscheidet sich sehr bestimmt von derhalbrohen Wildheit des alten Wate, dessen Natur gleichwohldurch die Treue und eine Beimischung von Edelmuth sichwieder erhebt. Hartmuts herbe Gesinnung lässt doch keineGemeinheit zu; so blickt doch eine, wenn auch nie ausge-sprochene Hinneigung zu ihm durch, wenn Gudrun ihm auch