Druckschrift 
4 (1887)
Seite
567
Einzelbild herunterladen
 

EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 567

o-esondert für sich bestehen können und ohne Zweifel auch be-standen haben. Hat unser Ordner sie erst verknüpft und zueinem Ganzen vereinigt, oder schon ein Vorgänger? Entschie-den lässt sich darauf nicht antworten. Er beruft sich mehrmalsauf mündliche Überlieferung, aber er sagt auch einmal: »als unsdiu buoch kunt tuont« (Heldensage S. 325), beruft sich also aufeine schriftliche Quelle. Hat er eine Auffassung aus dem zwölf-ten Jahrhundert benutzt, so hat er, dies zeigt die Ausbildungder Reime, mindestens ebensoviel Einfluss auf den Text gehabt,als der Ordner des Nibelungeliedes. Hat er die drei Sagen an-einandergeschoben und auf diese freilich immer oberflächlicheWeise verbunden, so hat er einen grösseren Antheil an derjetzigen Gestalt.

Die drei Theile des Gedichts sind ihrem Inhalt nach sehrverschiedener Art, und diese Wahrnehmung gewährt uns wei-teren Aufschluss. Der erste Theil, Hagens Aufenthalt bei demGreif und in der Einöde bei, drei geraubten Jungfrauen, istganz märchenhaft; hier fehlt die geschichtliche Haltung der bei-den andern Theile. Der zweite Theil, die Entführung der Hildedurch Hetel und der Kampf des Vaters mit dem Räuber derTochter, der mit einer Sühne endigt, das ist eigentliche Helden-sage. Der dritte Theil, der die Schicksale der Gudrun begreift,strebt eigentlich den Charakter einer edlen königlichen Jung-frau darzustellen, den Zustand ihrer Seele, überhaupt das häus-liche Leben, obgleich auch hier Helden thätig auftreten. Esist darin der Anflug einer späteren, der Betrachtung zugewen-deten, in das Gemüthsleben eindringenden Zeit.

Ich kenne keine ähnliche oder verwandte Darstellung desersten Theils, auch kein Zeugnis darüber in einem anderen Ge-dicht. Der Inhalt im Ganzen, Art und Weise der Auffassungstimmt aber im Allgemeinen mit dem Geist der Märchen, selbstnoch jetzt lebender.

Der zweite Theil ist der älteste und der verbreitetste. DieseSage gieng auch noch weiter, als wir sie aus unserem Gedichtkennen lernen; das beweisen Beziehungen auf unbekannte Er-eignisse und Anspielungen, die darin vorkommen, und die ich(Heldensage S. 325) zusammengestellt habe. Eine Hauptperson