568 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
war Horand, dessen süsser Gesang vorzüglich von anderen her-vorgehoben wird. Die frühsten Anspielungen darauf finden sichbei dem nordischen Dichter Brago dem Alten, der vor 853 lebte,und in angelsächsischen Gedichten. Die Snorra-Edda und mitmehr geschichtlichem Schein Saxo grammaticus gewähren auchden Inhalt dieser Sage, und hier hat sie, wie es dem Helden-epos eigen ist, einen tragischen, mit Vernichtung endigendenSchluss, den unser Gedicht schon der Anknüpfung wegen ineine Versöhnung milderte. Diesen tragischen Schluss scheintauch noch das Gedicht gehabt zu haben, auf welches Lambrechtim Alexander anspielt. (Mittheilung aus der Snorra-Edda.)
Auf den dritten Theil, der die Schicksale der Gudrun schil-dert, finden sich keine sicheren Anspielungen. Wir begegnenim Biterolf, der in das letzte Jahrzehnt des zwölften Jahrhun-derts gehört, einer Anspielung auf ein verlorenes Gedicht (Hel-densage S. 133. 134), worin Hartmut von Normandie und seinVater Ludwig, die wir ebenfalls nur aus dem dritten Theilkennen, erscheinen, auch eine Schwester Hartmuts, die jedochHildeburg heisst, nicht wie hier Ortrun. Den Inhalt dieses Ge-dichts lernen wir aus der Wilkinasaga kennen: es ist darin voneiner Brautwerbung und einer durch List eingeleiteten Entfüh-rung die Rede, aber dieser Inhalt hat, obgleich sehr abweichend,mehr Ähnlichkeit mit dem zweiten als mit dem dritten Theil.
Wir werden also auch bei unserem Gedicht auf eine frühereGestaltung, auf ein höheres Alter gewiesen: bei dem zweitenTheil führen uns die Zeugnisse am weitesten zurück, minde-stens in das neunte Jahrhundert. Wenn in dem angelsächsi-schen Lied von dem Wanderer ein Hagena, der darin genanntwird, wirklich der Hagen des zweiten Theils (der Grossvaterunserer Gudrun) gemeint ist, wie die Deutsche Mythologie Vor-rede S. XXII behauptet, was ich aber nur für eine wahrschein-liche Vermuthung kann gelten lassen, so dürfen wir wohl nochein Jahrhundert zurückgehen. Allein in dem achten und neun-ten Jahrhundert stand, wie ich schon oben behauptet habe, dasdeutsche Epos in seiner vollsten Blüthe. Nur die Gestalt, dieihm die Fortbildung des dreizehnten Jahrhunderts oder etwaderen Grundlage aus dem Ende des zwölften Jahrhunderts ge-