566 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
stehung des Nibelungeliedes auch hier anwenden wollen, unddoch ist das Verhältnis sehr verschieden. Lachmanns Ansichtwird kein Verständiger, nur der, wer sich weiss macht, dieEhre des Nibelungeliedes erfordere es, einen einzigen Dichteranzunehmen, so weit entgegen sein, dass er das Einrücken ein-zelner Lieder leugnet; aber Gudrun ist sichtbar das Werk einesEinzigen. Das zeigt der gleiche Ton, dessen besonderer, wennich so sagen darf, Beigeschmack ein jeder empfindet, der Ge-fühl für das Eigenthümliche eines Gedichtes hat. Es ist vielmehr aus einem Guss als das Nibelungelied, hat eine gewissemilde Anmuth, sanftere Umrisse und reichere Ausführung, diedem hier und da herben, in einzelnen Stücken harten, selbstan das volksmässig Rohe streifenden Geist des Nibelungeliedesnicht kann beigelegt werden, das allerdings tragischer und er-habener ist. Beide unterscheiden sich dadurch wesentlich voneinander. Wir finden auch hier, was in dem Nibelungeliedeniemals sich zeigt, die Berufung auf ein »buoch«.
Bei dieser höheren Ausbildung ist Gudrun doch ein voll-kommenes Volksepos. Der Ordner, wie ich ihn auch hier nen-nen will, hat, was den Inhalt betrifft, wahrscheinlich nichts vonBedeutung zugesetzt, und die Auffassungsweise, der Ausdruck,der ganze Ton ist so volksmässig, dem Ton des Nibelungeliedesso verwandt, dass wir etwas allgemein Verbreitetes darin er-blicken müssen. Jene Anklänge in gemeinschaftlichen Redens-arten und Wendungen (sie sind in Ziemanns Ausgabe nach vonder Hagens Anmerkungen am Ende zusammengestellt) hat kei-ner von dem anderen empfangen, sondern sie sind Gemeingutgewesen. Am wenigsten dürfen wir annehmen, dass hinter demOrdner der Gudrun ein höfischer Dichter versteckt sei. Es istoberflächliche Ansicht, wenn San Marte (Schulz) S. 226 sichdurch diese Anklänge zu der Behauptung verleiten lässt, derOrdner der Gudrun habe das Nibelungelied nicht bloss genaugekannt, sondern sich auch zum Vor- und Musterbild genom-men. Er kann es gekannt haben, aber das wäre erst darzu-thun; aus den Anklängen allein lässt es sich nicht erweisen.
Unser Gedicht ist aus drei Theilen zusammengesetzt, dieich bei der Übersicht des Inhalts schon bezeichnet habe, die