Druckschrift 
4 (1887)
Seite
565
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 565

Thore werden aufgehauen. Der wüthende Wate tödtet selbst dieKinder in der Wiege. Es gelingt der Gudrun, die Ortrun vor ihmzu schützen, aber der alten Gelinde schlägt er das Haupt ab.Die Sieger kehren nach Hegelingen zurück; eine vierfacheVerbindung besiegelt die Versöhnung: Herwig wird mit Gu-drun vermählt, Ortwin mit Ortrun, Hartmut mit Hildburg undSiegfried mit Herwigs Schwester.

Dies ist der Inhalt des Ganzen. Ich beginne die Betrach-tungen darüber mit der Frage nach der Zeit, in welcher unserGedicht ist abgefasst worden. Sprache und Darstellungsweisezeigen das dreizehnte Jahrhundert an, und zwar nähert es sichdarin so sehr dem Nibelungelied, dass wir es, ohne einen be-deutenden Fehlet befürchten zu dürfen, in die erste Hälfte desdreizehnten Jahrhunderts setzen können. Eine Anzahl Strophennehme ich aus, in denen sich spätere Zusätze erkennen lassen;sie verräth ein unbelebterer, dürftigerer Ausdruck, auch, wie esscheint, einige Abweichung im Silbenmass. Ich sage absicht-lich »wie es scheint«; denn diese Abweichung könnte auch inechten Strophen zulässig sein, und der, von welchem die Zu-sätze herrühren, welche in der Sage selbst nichts ändern, könntegerade diese Abweichung ausschliessend für seine Zuthat er-griffen haben. Ich werde sie bei der Erklärung bezeichnen,aber es gibt einzelne Fälle genug, wo es schwierig ist, zu be-stimmen, ob wir einen Zusatz vor uns haben oder eine echteStrophe. Sehr viel später glaube ich auch nicht, dass dieseZusätze sind: sie verrathen nur einen dürftigeren, schwächerenGeist. Das System Ettmüllers, der nicht einen, sondern vierUberarbeiter annimmt und den Antheil eines jeden bestimmt,sogar äusserlich bezeichnet und ausscheidet, ist gewagt; er hättebessere Beweise als die allgemeinen Bestimmungen, die erS. IV von dem Geiste ihrer Zusätze gibt, beibringen müssen.Dass er diese Zusätze aus dem Text verweist und nur in An-merkungen mittheilt, muss ich vollends missbilligen; ich werdemich nicht danach richten, sondern alles fortwährend als einGanzes behandeln.

Ettmüller hat zu voreilig Lachmanns Ansicht von der Ent-