Druckschrift 
4 (1887)
Seite
561
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 561

Herr des Schiffes, ein Graf von Garadie, ist aber ein Feind vonHabens Vater und will den Sohn jetzt als Geissei und Pfandbehalten. Hagen aber zwingt die Schiffsleute nach Irland zusteuern, wo seine Mutter ihn an einem goldenen Kreuz auf derBrust erkennt. Er versöhnt seinen Vater mit dem Grafen vonGaradie und heirathet dann Hilde aus Indien, eine von denJungfrauen, die mit ihm bei dem Greife waren. Grosse Festefinden statt, weil Hagen zugleich das Schwert nimmt. Sige-band übergibt ihm die Herrschaft.

(II.) Damit ist ein Gedicht beschlossen; allein es beginntjetzt ein anderer Theil des Ganzen. Hagens einzige Tochter istHilde, wie ihre Mutter genannt. Sie ist von grosser Schönheit,Hagen aber so stolz, dass er jeden Freier verschmäht, der ge-ringer ist als er. Die Boten der Freier lässt er aufhängen.Auch Hetel, König von Hegelingen, will um sie werben undberuft deshalb Horand, den berühmten Sänger, und Frute vonDänemark, aber sie scheuen die Gefahr und verlangen den Bei-stand des alten Wate. Hetel entbietet ihn zu sich, und derAlte zeigt sich bereitwillig, die gefährliche Fahrt zu unterneh-men. Grosse Zubereitungen werden getroffen. Als Kaufleuteverkleidet, langen sie bei Hagens Burg an, wo sie vorgeben, vonHetel geächtet zu sein. Durch diese Täuschung, durch ihreReichthümer und Freigebigkeit gewinnen sie Hagens Gunst undwerden an seinen Hof geladen. Die Frauen sehen die dreiHelden gerne: Wate gefällt ihnen, obgleich er ihnen ins Ge-sicht sagt, dass es ihm bei schönen Frauen nie so wohl ge-wesen sei, als in der Schlacht. Als Hagens Leute sich imKampfspiel zeigen, fragt dieser den Alten, ob in seinem Landeso tüchtiger Kampf zu finden sei. Wate erwidert spöttisch, erwünsche darin Unterricht zu erhalten. Der König selbst machtden Versuch, ihm die Kunst beizubringen, und gesteht nochnie einen so gelehrigen Schüler gesehen zu haben. Wate setztden Hof durch seine Stärke, Frute durch seinen Reichthum,Horand durch seinen Gesang in Erstaunen. Wenn er beginnt,verstummen die Vögel: Hilde und ihre Dienerinnen horchen,die Schlafenden werden munter. Der König selbst tritt auf dieZinne, und als der Sänger schweigt, bittet Hilde ihren Vater

W. GRIMM, KL. SCHEIFTBN. IV. 36