EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 559
dem Feuergeist kämpft, mag einen alten mythischen Gedankenausdrücken. Ein waltendes Schicksal wird anerkannt: Beowulfnimmt den Kampf mit dem Drachen an, weil er von Todes-bestimmung getrieben wird. In anderen Theilen hat das Ge-dicht eine ganz geschichtliche Haltung, namentlich in den ein-geflochtenen Erzählungen von sonstigen Heldenthaten. Unterdiesen befindet sich auch eine von einem Zug des Hygelär, desLehnsherrn Beowulfs, gegen die Friesen, wobei er das Lebenverlor. Dieses Ereignis wird durch geschichtliche Zeugnisse,die es in das erste Viertel des sechsten Jahrhunderts setzen, hin-länglich verbürgt: selbst der Name des Königs stimmt überein.
Der. an sich wenig verwickelte Inhalt des Gedichts wirdvon Zwischenerzählungen anderer vorangegangener Ereignissehäufig unterbrochen, welche den sonst einfachen Gang des Liedesstören. Der Ausdruck ist voll sinnlicher Kraft und Wahrheit,etwas schwieriger als der Ausdruck in den eddischen Liedern,aber mit ihm verwandt. Er ist ohne Milde und Anmuth, wasbeides jener Zeit fehlte, aber ernst und edel.
Von dem Urtext besitzen wir eine treffliche Ausgabe vonKemble (2. Ausgabe London 1837, 8.); die frühere von Thorkelin(Kopenhagen 1815, 4.) war unbrauchbar. Dazu kommt einewörtliche Prosaübersetzung ins Englische mit einem sorgfälti-gen Glossar zu dem Urtext in einem besondern Band (London1837); eine dänische, mit Geist abgefasste poetische Paraphrasehatte Grundtwig geliefert (Kopenhagen 1820, 8.). Auf KemblesArbeit stützen sich zwei deutsche Schriften, eine von Leo (Beo-wulf, das älteste deutsche, in angelsächsischer Mundart enthal-tene Heldengedicht, nach seinem Inhalte und nach seinen histo-rischen und mythologischen Beziehungen betrachtet. Ein Bei-trag zur Geschichte alter deutscher Geisteszustände. Halle 1839),die andere von Ludwig Ettmüller (Beowulf, Heldengedichtdes achten Jahrhunderts. Zum ersten Male aus dem Angel-sächsischen in das Neuhochdeutsche stabreimend üb ersetzt undmit Einleitung und Anmerkungen versehen. Mit einem Kärtchen(den Schauplatz des Gedichts darstellend). Zürich 1840). Beideenthalten eigene und gute Bemerkungen. Ettmüllers Übersetzung,die ihm Mühe genug mag gemacht haben, ist der Art, dass sie