EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 557
obgleich er wohl einsieht, dass die bisherigen Versuche, siezu begründen, unzulässig sind. Den Werth des altflandrischenGedichts und damit auch des Keineke de Vos würdigt er mitfeinem Takt. ^______
Ich habe bisher von den Sagenkreisen geredet, welche inganz Deutschland mögen verbreitet gewesen sein und demBinnenlande zugehörten; wir haben noch zwei Dichtungen zubetrachten, die, wenigstens vorzugsweise, deutschen Stämmeneigen waren, die au der nordwestlichen Küste, an den Gesta-den der Nord- und Ostsee ihre Sitze hatten, mit dem Meer undder Seefahrt bekannt waren und mit dem benachbarten Skan-dinavien und den britischen Inseln in vielfacher Berührung stan-den. Ihr Kreis scheint demnach ein engerer gewesen zu sein.Es sind die Gedichte von Beowulf und von Gudrun.
Beowulf ist in angelsächsischer Sprache abgefasst, undwenn auch vor dem Überzug der Angeln nach der britischenInsel (er begann in der Mitte des fünften Jahrhunderts) in derdeutschen Heimath entstanden, kann es doch die Gestalt, in derwir es besitzen, erst frühestens in dem Anfang des siebentenJahrhunderts gewonnen haben. Es enthält nämlich eine An-spielung auf ein geschichtliches Ereignis, das in die zweiteHälfte des sechsten Jahrhunderts fällt. Wahrscheinlich aber istdie Auffassung, die wir besitzen, weil sie schon eine Überarbei-tung zeigt, in das achte Jahrhundert zu setzen. Britische Ein-wirkung finde ich darin nicht. Daran dürfen wir festhalten,dass es uns ein Abbild von dem deutschen Leben, den öffent-lichen und häuslichen Zuständen der Deutschen gewährt, sei esnun in dieser Gestalt mit hinübergeführt oder dort erst ausmitgebrachten Überlieferungen zusammengesetzt. Auch die heid-nische Zeit stellt es dar, wenn auch ein christlicher Überarbeiter,der nach einigen Zusätzen nicht zu bezweifeln ist, die heidni-.sehen Götternamen getilgt hat: Also auch hier Hinweisung aufälteren Ursprung und eine frühere Gestaltung, auch die Wahr-scheinlichkeit einer Vereinigung einzelner für sich bestehenderTheile oder Lieder (vgl. Ettmüller S. 65). Auch darin zeigt sichdie Heimath, dass auf andere deutsche Sagenkreise Anspielungen