556 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
Ein Ursprung aus der Geschichte, wobei man eine Über-tragung menschlicher Verhältnisse in die der Thiere voraus-setzen muss, glaube ich, muss mit Entschiedenheit abgewiesenwerden. Möglich, dass einzelne Anspielungen auf wirkliche Er-eignisse sich darthun lassen, aber das ändert die Sache nicht;es werden immer Nebendinge sein, die den Mittelpunkt derSage nicht ändern. Anspielungen auf die Geistlichkeit, Aus-fälle auf ihre Verderbtheit lagen nahe. Aber die Pilgerfahrtdes Wolfes und Fuchses, überhaupt ihr Mönchthum gieng ausder sich entwickelnden Sage hervor. Ein eigentlich satirischerHintergrund des Ganzen kann nicht zugegeben werden undwürde die tiefere poetische Natur der Dichtung zerstören. Da-gegen lässt sich wohl denken, dass mythische Überlieferungenauch hier eine Wurzel der Dichtung gewesen sind, aus der sie'Nahrung gesogen hat. Bösartige Götter haben manchmal Thier-gestalt angenommen; noch in unseren Märchen wird erzählt, wiesie sich dahinter verstecken und die wilden Triebe der Thiereannehmen. Dann auch konnte man unbedenklich ihnen Spracheund Vernunft beilegen.
Gervinus äussert sich 1, S. 123. 161 ausführlich über diesenSagenkreis und zugleich kritisch über die angeführten Meinun-gen. Er führt hauptsächlich die Behauptung durch, dass dieThierfabel, wie wir sie bei Aesop finden, ihrem Wesen nachvon dem Thierepos und dem Thiermärchen verschieden sei undstreng abzusondern. Die Seele der Fabel sei, und zwar ihremUrsprung nach, Lehre und Moral, und sie gewähre nur dasallegorische Bild einer Abstraktion. Dass er sie damit von derPoesie scheidet, die niemals geradezu auf Lehre ausgeht, fühlter selbst. Er möchte aber den Griechen überhaupt gerne dasThierepos wegnehmen, weil es ihrem immer auf das Höhereinur auf Götter und Heroen gerichteten Blick nicht angemessensei und sie die Thierfabel nur Sklaven und Fremdlingen über-lassen hätten. Die Batrachomyomaehie, die ganz gegen seineBehauptung streitet, lässt er nur als eine Ausnahme gelten,aber sein bewundernder Ausruf: »Was erschuf dieses Volk (dieGriechen) nicht!« rechtfertigt ihr Dasein nicht. Auch der histo-rischen Deutung der Fuchssage ist er nicht ganz abgeneigt,