Druckschrift 
4 (1887)
Seite
553
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 55g

den verschiedenen Quellen geben nach meiner Ansicht, d. h.so wie ich die einzelnen Dichtungen unterscheide. Ein ebenerschienenes Buch »Die grossen Sagenkreise des Mittelalters«von Joh. Georg Theodor Grässe, Dresden und Leipzig 1842, istmit dankenswerthem Fleiss und grosser Belesenheit zusammen-getragen, aber im Einzelnen ist kein Verlass darauf: es sindVerstösse darin, wie sie vorkommen, wenn man sich von ausseneinem Gegenstand nähert und ihn nicht von innen erfasst hat.Das Buch ist nur mit Vorsicht zu gebrauchen.

[Hier] folgt die Übersicht nach der Heldensage S. 337341[welche ungefähr vier Stunden in Anspruch nahm; sie liegtnicht ausgearbeitet vor].

Ich habe bisher von der Heldensage gehandelt, welche ihreVerbreitung durch ganz Deutschland und bei den verwandtenStämmen im Norden und England schon als die allgemeinste,wichtigste und umfassendste bezeichnet: ich wende mich jetztzu einer anderen Sage, welche, wenn sie auch, nach den erhal-tenen Denkmälern zu urtheilen, nicht im Norden und bei denAngelsachsen bekannt war, doch in Frankreich und Flandernund auf der anderen Seite in dem Nordosten von Europa sichverbreitete. Ich meine das Thierepos. Fuchs und Wolf sinddie Hauptträger dieser Sage, die unter dem Namen ReinhardFuchs bekannt ist. Diese Dichtung ist aus langgepflogenemUmgang der Menschen mit den Thieren hervorgegangen, ausungesuchter, aber dauernder Betrachtung ihres Wesens, ihrerTriebe, Fähigkeiten und Leidenschaften. Ihnen wird zugleichein Theil der menschlichen Natur beigelegt: sie besitzen mensch-liche Sprache und menschliche Gedanken; und aus dieser beidem Zusammenleben mit Thieren leicht begreiflichen Mischungdes an sich durch eine weite Kluft Getrennten erwächst diepoetische Bedeutung, ergibt sich die Erhebung des Gedichts,ein eigenthümlicher Gehalt und ein besonderer Reiz. Dies allesist der Grund von der langen Dauer und Verbreitung des Thier-epos, das noch jetzt nicht ausgestorben ist, sondern in Volks-märchen noch umgeht.

Die äusseren Zeugnisse von dem Dasein des Thierepos sindan sich verhältnissmässig nicht sehr alt. Mit Gewissheit be-ginnen sie erst im Anfang des zwölften Jahrhunderts, wo in