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552 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
und zwischen beiden hindurchragen, die noch von grünemLauJb bedeckt sind. Auf die schlichte, aber grossartige Einfach-heit folgt die Zeit der Überfüllung, die durch Milde, durcheine reichere und anmuthigere Bewegung entschädigt, bis siezu welken beginnt, in Rohheit ausartet und endlich erstarrt:/ wie ist in dem Heldenbuch Caspars von der Röhn (in dem drei-zehnten Jahrhundert gedichtet) der Geist des alten Epos völligverschwunden und ein klapperndes Skelett übrig geblieben! DieKr aft, ein Volksep os zu erzeugen, hört auf, wenn das B ewus st-sein der Kunst das Gemüth der Dichter durchdringt, die Poesiesich absondert und vornehm zurückzieht, wie es im dreizehntenJahrhu ndert die höfischen Dichter thateu. Die Siegfriedssage,von der die Edda glaubte, sie werde so lange dauern, als dieWelt stehe, fiel zuletzt in die Hände dürftiger Meistersänger.
Ich habe deshalb meine Ansicht von der Entstehung undFortbildung des Epos bei der Nibelungesage ausgeführt, weilsie die ausgezeichnetste ist und die aus verschiedenen Zeitenund in verschiedenen Gegenden erhaltenen Denkmäler, wie dieZeugnisse, die sich darüber finden und die ich, chronologischgeordnet, in meinem Buche zusammengestellt habe, uns tiefereBlicke gestatten. Für die übrigen Sagenkreise gilt im Ganzendasselbe, wenn auch jedes einzelne Gedicht nach seiner Natureine eigenthümliche Betrachtung verlangt. Wir besitzen eineumfassende Darstellung der Heldensage in Prosa, die unter demTitel »Wilkinasaga« bekannt ist; sie sollte eigentlich Dietrichs-sage heissen; die Niflungasaga kommt darin abgesondert vor.*)Sie ist, wie sie selbst aussagt, aus einer doppelten Quelle ent-standen, aus alten deutschen Gedichten und aus den Erzählungendeutscher Männer, die in nordischer Sprache aufgefasst und zu-sammengestellt wurden. Nach P. E. Müllers Meinung (Sagen-bibliothek 2, S. 311.312) ist dies am Ende des vierzehntenJahrhunderts, nach meiner Meinung hundert Jahre früher ge-schehen. Sie ist für die Kenntnis des Sagenkreises von un-schätzbarem Werth. Auch die Darstellung ist.gut, schlicht undeinfach und hat eine belebte Ausführlichkeit.
Ich will jetzt eine Übersicht der ganzen Heldensage aus
*) TS. oben S. 535 Anm. 3.1