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4 (1887)
Seite
548
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548 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.

hinter das sechste Jahrhundert zurückgeschoben werden. Derheidnische Glaube des deutschen Volkes stand in jener Zeit involler Blüthe; selbst im achten Jahrhundert war er, wenn auchnicht aller Orten, noch vorhanden. Das beweisen die eben aufge-fundenen heidnischen Gedichte; in dem Norden ward er erst imJahre 1000 von dem Christenthum verdrängt. Die Heldensagemit ihren mythischen Anklängen müsste also lange Zeit hin-durch neben den anderen, religiösen, ihren Inhalt klar aus-sprechenden Überlieferungen bestanden haben. Möglich ist das,doch nicht sehr wahrscheinlich. Allein die Mythologie selbstwar in beständiger Umwandelung begriffen; denn niemals hatbei dem deutschen Volk der Geist stille gestanden. Ich zweiflenicht, der heidnische Glaube, aus dem das Epos seine erstenKeime empfangen hat, war ein anderer, als der, welcher uns inder Auffassung der Edden vielleicht ein Jahrtausend später er-halten ist. Die Grundanschauungen mochten fortdauern, aberdie äusseren Gestaltungen derselben, zumal wenn sie in Hand-lungen der Götter bestanden, mussten grosse Änderungen er-litten haben. Einmal angenommen, dass Siegfried aus Baldurhervorgegangen ist, so war der Baldur jener ältesten Zeit gewissein anderer, als der, welchen wir in der Edda erblicken. Dasalles muss uns vorsichtig machen, wenn wir mythische Bestand-theile der Heldensage nachzuweisen suchen.

Der mythischen Erklärung gegenüber stellt sich die ge-schichtliche. Sie nimmt an, dass wirkliche Ereignisse, ur-kundlich begründete Personen Anlass zu der Dichtung gegebenhaben und diese durch dichterische Ausschmückung, d. h. absicht-lich erfundene Begebenheiten, dann auch durch Einverleibungspäterer geschichtlicher Ereignisse nach und nach ihre Gestaltgewonnen, aber eben auf diesem Weg die geschichtliche Wahrheitgetrübt und entstellt, die verschiedenen Zeiten verwirrt habe.Eine mythische Grundlage wird dabei entschieden geleugnet.Diese Ansicht hat schon A. W. v. Schlegel im Jahre 1812 indem Deutschen Museum von Friedrich Schlegel vorgetragen; sieist hernach von Göttling, Giesebrecht, Rückert und Crüger (litte-rarische Nachweisungen in der Schrift von Wilh. Müller) nochaufgestellt worden; auch Gervinus scheint ihr geneigt. Ich