Druckschrift 
4 (1887)
Seite
549
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG .ÜBER GUDRUN. 549

kann ihr durchaus nicht beitreten. Die Übereinstimmungen mitder Geschichte sind theils so gering, dass man fast bei allenVölkern und in allen Zeiten solche Ähnlichkeiten auffindenkann, theils stehen sie vereinzelt und im Zusammenhang mitganz anderen Begebenheiten. Was dieser Ansicht, meine ich,schon das Urtheil spricht, ist der Umstand, dass fast jeder eineganz andere historische Grundlage entdeckt hat und wahr-scheinlich jeder weitere Anhänger dieser Ansicht wieder eineneue vorbringen wird. Allerdings gibt es einige historische Namenin dem Nibeluiigelied, vielleicht auch eine Beziehung auf eingeschichtliches Ereignis, nämlich auf die Vernichtung des bur-gundischen Volks in deii katalaunischen Feldern durch Attila;allein diese geschichtliche Beziehung gehörte nach, meiner Mei-nung nicht ursprünglich in die Sage, sondern ist erst spätereingeführt worden. Auch erscheint das Meiste davon in deneddischen Liedern noch nicht. Was die beglaubigte Geschichtevon dem ostgothischen Ermanrich, Attila und Theodorich demGrossen berichtet, stimmt mit dem, was das Epos von Erman-rich, Etzel und Dieterich von Bern erzählt, durchaus nichtüberein: es steht vielmehr entgegen.

Was bleibt in dieser Lage übrig? Ich glaube nichts An-deres, als die mythischen Bestandtheile des Epos, soweit sie er-kennbar sind, ebenso die geschichtlichen herauszuheben undneben einander aufzustellen. Ich habe diesen Weg in meinemBuche über die Heldensage eingeschlagen. Man erkennt daraus,wie der Zustand der Dinge ist. Will man weiter gehende Ver-muthungen anstellen, so ist dagegen nichts einzuwenden; nurdarf man sie nicht für mehr ausgeben, als sie sind, und sie nichtmit dem vermischen, was als sicher kann betrachtet werden,um aus- der Verbindung weitere Folgerungen zu ziehen. Ich

mag nicht weiter schreiten und den Fuss nicht da aufsetzen,wo ich nicht sicheren Boden sehe. Mässigt man sich nicht,so versteigt man sich bald in das Unhaltbare und spinnt einenZusammenhang aus, der dem unbefangenen Blick sogleich alsein blosses Phantasiebild erscheint. Das gilt von der mythischenwie von der geschichtlichen Ansicht.

Hier ist, um Miss Verständnissen vorzubeugen, eine Be-