Druckschrift 
4 (1887)
Seite
547
Einzelbild herunterladen
 

EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 547

führenden Fluss, sodann zur Wolga. Die Personen erklärt erals Symbole nicht eigentlich mythologischer, sondern sittlicherIdeen. Es ist ganz sinnreich ausgeführt, aber gewiss falsch.Lachmanns Deutung hat strengen Zusammenhang, ist scharfund bestimmt gefasst. Den Weg, den er betritt, halte ich fürden richtigen. Er mittelt zuvor das, was man echte Sage nennenkann, aus und zeigt dann eine Aehrilichkeit zwischen Siegfriedund Baidur. Grundgedanke des Ganzen scheint ihm derSatz, dass das Gold, obgleich begehrungswürdig, doch in dieGewalt der dämonischen Mächte bringe, und zwar trifft das Un-heil nicht bloss einen Helden, sondern auch einen herrlichen,leuchtenden Gott, wie Baidur war. Ich habe unabhängig vonLachmanns Ansicht eine ähnliche ausgeführt (Heldensage S. 384.385) und den Mittelpunkt der Sagen in dem verderbnisvollenKing gefunden, der das Gold erzeugte und über den ein Zwergeinen Fluch ausgesprochen hatte, der allen Besitzern den Todbrachte. Nur habe ich Siegfried nicht als Baidur bezeichnet,was auch immer nur eine Vermuthung bleibt, wenn auch eineansprechende. Wilhelm Müller sieht in Siegfried einen wildenNaturgott, der durch die Erlegung des bösartigen, in Drachen-gestalt erscheinenden Fafnir die verderbliche Kraft des Win-ters bricht, und erblickt dann noch bestimmter den nordischenGott Freyr in ihm. Mir ist der Standpunkt, von welchem ausdie Sage betrachtet und erklärt wird, in zu weiter Ferne ge-nommen, obgleich man ihn mit Unrecht dem unbegrenztenvon Mone und Hagen zur Seite setzen würde; im. Gegentheil,die Untersuchung ist verständig und gemessen geführt undbehält Werth, wenn man auch den Ergebnissen nicht beizustimmengeneigt ist.

Ich will zu diesen Deutungen des mythischen Gehalts eineallgemeine Bemerkung machen, die mir wichtig scheint. Wirwissen, die geschichtliche Haltung des Epos war schon imsechsten Jahrhundert entschieden; in dieser Zeit waren dieeddischen Lieder schon vorhanden. Der Uebergang aus demMythus kann nicht plötzlich erfolgt sein; vielleicht waren Jahr-hunderte nöthig, um stufenweise die Umänderung zu vollbringen.Der Ursprung der Heldensage muss also noch über jene Zeit

35*