546 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
wird man genöthigt sich immer allgemeiner zu fassen und immerweiter zurückzugehen, bis sich das ganze Gedicht verflüchtigtund an dem fernen Horizont nur als ein blauer Dunst übrigbleibt (ich wähle das Wort, weil wir damit ein unergreifbaresLuftbild bezeichnen). Diese Richtung haben besonders Moneund von der Hagen verfolgt. Wer die Schrift des letzteren»Die Nibelungen: ihre Bedeutung für die Gegenwart und fürimmer (Breslau 1819)« in die Hand nimmt, der wird bald be-merken, wie alles darin in Wolken und Nebel sich auflöst und,was man greifen und festhalten will, wie Wasser zwischen denFingern durchläuft. Siegfried ist darnach zugleich auch Diete-rich, erscheint als Baidur in der nordischen, als Sonnengott inder griechischen Mythologie; und was wird sonst nicht allesdurchwühlt, um. ihn dahinter zu finden! Will man, was hierzusammengehäuft ist (ein Haufe zusammengelegter, überall aus-gerupfter Federn), näher betrachten, so muss man den Athem ein-halten, weil bei dem leisesten Luftzug alles aus einander fliegt.leb bin an sich nicht der Idee abgeneigt, dass in. Siegfrieds Adern,wenn ich so sagen darf, noch das Blut eines deutschen heidnischenGottes rinne, aber ich kann diese Umwandlung nur soweit geltenlassen, als sie sich mit einiger Sicherheit nachweisen lässt undmehr als *ein blosses Spiel der Phantasie ist. Und wie schwerist es, dem ganzen Inhalt der Nibelungesage, der schon viel-fachen Umgestaltungen unterworfen war, in seinem jetzigenZusammenhange eine begründete mythische Deutung zu geben.Ich will drei Versuche anführen, einen von P. E. Müller inder Sagenbibliothek, den anderen von Lachmann, in der Kritikder Sage, die den Anmerkungen zu seiner Ausgabe angehängtist, den dritten von Wilhelm Müller in einer besonderen Schrift(Versuch einer mythologischen Erklärung der Nibelungesage,Berlin 1841), alle drei der Beachtung werth. P. E. Müllerhält den Grundstofl' für älter als die Einwanderung der Äsen(Götter) in den Norden, und da er gerne die Einführung des Ge-dichts aus Deutschland abwenden möchte, so muss er sich nachAsien wenden und den Ursprung der Sage dort suchen, einan sich schon bedenkliches Unternehmen. Er macht den Rhein,der in der Sage nicht fehlen kann, allgemein zu einem gold-