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4 (1887)
Seite
545
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EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 545

durchgesetzt werden. Und das ist das Werk des Ordners, oderwie man ihn nennen will, denn es ist schwer, für das Ver-hältnis den richtigen Ausdruck zu finden; ihn aber meine ich,wenn ich von einem Dichter, Verfasser, Bearbeiter des Nibe-lungeliedes rede L ).

Dass er den Inhalt des Gedichtes nicht berührte,muss ich nochmals hervorheben, um jedes Missverständnis zuverhüten. Hat er doch beibehalten, was die leiseste Regung eineskritischen Gefühles würde entfernt haben: unnöthige Wieder-holungen, eingeschobene Personen, baare durch keine Erklärungzu beseitigende Widersprüche. Wozu, um ein Beispiel anzu-führen, die hier und da zerstreute Angaben über das jedesmaligeAlter der Kriemhild, die, wenn man sie zusammenrechnet, be-weisen, dass sie mindestens fünfzig Jahre alt war, als sie demzweiten Gemahl einen Sohn gebaut, und erst noch sechs Jahrespäter die furchtbare Rache vollbrachte? Dies alles beweist un-widersprechlich, dass von einem einzigen Dichter, der frei dasNibelungelied geschaffen habe, nicht die Rede sein kann.

Ich habe den Inhalt des Nibeluugelieds bisher epischeVolkssage genannt.

Das Nibelungelied enthält epische Volkssage. Die Volks-sage kann so wenig erfunden werden, als sich eine Spracheerfinden lässt: im Ernste wird auch jetzt, nachdem man dieNatur der Volksdichtung kennen gelernt hat, niemand mehrauf diesen Gedanken verfallen. Ich habe oben gezeigt, dass sieaus der Vereinigung mythischer und geschichtlicher Wurzelnerwächst, aber die bisherigen Meinungen trennen beides undlassen nur einen Ursprung gelten, einen mythischen oder einengeschichtlichen; sie stellen sich damit einander gegenüber. Beidem mythischen Ursprung nimmt man an, dass die Personenund Ereignisse des Gedichts eigentlich nur sinnlich ausgedrückteGedanken über die Erschaffung, Anordnung und den Unter-gang der Welt enthielten. Da sich aber solche, allgemein aus-gedrückte Sätze in der Mythologie aller Völker vorfinden, so

l ) Über die Lieder von den Nibelungen von Wilhelm Müller. Göttingen1S46. Rec. von Müllenhoff in den Berliner Jahrbüchern 1846 No. 7579.

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