544 EINLEITUNG ZUR VORLESUNO ÜBER GUDRUN.
Gemeingut des Volkes nicht weniger einen gemeinsamen Geistals die Sprache, und ihre Form war die, welche sich damalsunter dem Volk ausgebildet hatte. Lachmann hat die Ansichtvon der Entstehung unseres Gedichts aus lauter einzelnen Lie-dern mit nicht gewöhnlichem Scharfsinn durchgeführt und inseiner letzten Ausgabe die früheren und späteren Lieder äusser-lich unterschieden. Man muss nicht vergessen, dass damit dasgleichzeitige Vorhandensein grösserer, die ganze Sage oder einengrösseren Theil derselben umfassender Gedichte noch nicht ab-geleugnet wird; er behauptet zunächst bloss eine solche Ent-stehung unseres Gedichtes. Ich glaube, dass Lachmann dieEinfügung einzelner Lieder hinlänglich dargethan hat, und dasist ein bedeutendes Ergebnis seiner Forschungen; aber wennmir wahrscheinlich ist, dass schon vorher, im zwölften Jahr-hundert, denn das erhaltene Gedicht ist im ersten Jahrzehnt desdreizehnten entstanden, ein ganzes zusammenhängendes Werkvorhanden war, so könnte ein solches zu Grund gelegt unddurch einzelne Lieder erweitert sein, oder es könnten grössereTheile, etwa der zweite Theil, der die Rache der Kriemhildbesingt und ohnehin mehr gleichmässige Ausbildung zeigt, auf-genommen sein. Ich muss gestehen, so überzeugend mir Lach-manns Ansicht im Einzelnen erscheint, und obgleich ich dieVerschiedenheit in manchen Theilen anerkenne, bald Trocken-heit und einige Rohheit der Sprache, bald reiche und warmeAusführlichkeit, so regt sich doch, wenn ich das Ganze be-trachte, ein Gefühl dagegen: es erscheint immer noch zu sehraus einem Guss, und ich meine, es müsste sich eine noch be-deutendere Verschiedenheit bemerkbar machen, wenn lauter ein-zelne Lieder an einander gerückt wären. Dazu kommt, dass ichgenöthigt bin, einen nicht ganz geringen Einfluss des Umarbei-ters anzunehmen, nicht auf den Inhalt (ich glaube nicht, dasser ihn anrührte oder das Geringste aus eigenen Mitteln zusetzte),doch auf den Ausdruck. In dem zwölften Jahrhundert nämlichwar der völlig reine Reim noch unbekannt; nur Annäherungenin verschiedenen Abstufungen fanden statt.. In dem Nibelunge-liede dagegen ist der reine Reim entschieden eingeführt, under konnte schwerlich ohne manchmal bedeutende Änderungen