EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 543
mit Verachtung, doch mit einer gewissen Geringschätzung dar-auf herabgesehen haben. Die höfischen Dichter waren in ge-wissem Sinne ihres Stoffes nicht mächtig und wollten ihn dochbeherrschen. Sie legten in die fremde Sage ihre eigene Ansichtund bildeten sie dieser gemäss aus. Sie heben hervor, wasihnen zusagt, und schieben das Andere zurück oder vernach-lässigen es. In dem berühmtesten Werk der höfischen Dichter,in Wolframs Parzival, sind die Ereignisse so angehäuft und ineinander verflochten, dass es schwer hält, sich des Inhalts zubemeistern, und doch hat er aus seiner französischen Quellenur das ausgewählt, was ihm zu seinem Zweck diente. Zwarbewundern wir die tiefe, sinnvolle, glänzende Darstellung; wie-derum aber ist der Ausdruck oft schwierig, manchmal gesucht,und das Verständnis eröffnet sich nicht gleich. Wie steht dieEinfachheit des Nibelungeliedes im Inhalt wie im Ausdruck ent-gegen! Durch die Überlieferung ist der Stoff so, wie ihn derGeist des Volkes jedes Mal auffasst, gebildet, der keine Überfül-lung der Ereignisse duldet, kein unverhältnismässiges Verweilenund Ausmalen des Einzelnen. Die überlieferte epische Aus-drucksweise, die die höfischen Dichter aufgegeben haben, dasruhige, langathmige Silbenmass, überhaupt jenes Einfache,Natürliche, Mühelose, das uns bei Homer wie bei allen Volks-dichtungen erfreut, wo die Worte wie von selbst sich einzufin-den scheinen, dringt näher zur Seele als die bewusste Erzäh-lung der höfischen Dichter, wenn man auch zugeben kann, dasssie feiner, geistiger und kunstreicher ist.
Ich habe vorhin bemerkt, dass die ursprüngliche Form desVolksepos, allem Anschein nach, einzelne Lieder waren, die fürsich bestanden und ihren eigenen, für sich verständlichen Zu-sammenhang hatten, wiewohl sie zugleich Theile eines grossenGanzen waren, dass aber auch bald Gedichte von weiteremUmfang entstanden, welche eine Sage in grösseren Theilen oderals Ganzes umfassten. Liegen unserem Nibelungelied solcheeinzelne, nur zusammengefügte Lieder zu Grund? Man könntedagegen sagen, dass zu viel Übereinstimmung in dem Ton undin der Auffassungsweise des Gedichts herrsche und es deshalbein einziges Werk sein müsse. Allein jene Lieder hatten als ein