542 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
/ _züglich geeignet, die bisher im Allgemeinen dargelegten Grund-sätze näher zu entwickeln. Es ist im Anfang des dreizehntenJahrhunderts in der Gestalt, in der wir es besitzen, entstan-den und bildet einen sichtbaren Gegensatz zu den erzählendenWerken der höfischen Dichter, durch Inhalt sowohl als durchDarstellung. Jene sind aus fremden Quellen, zumal aus roma-nischen geschöpft: diese Dichter lebten an den Höfen der Für-sten oder des mächtigen Adels. Die Weise, mit welcher diestaufischen Kaiser das Geschick von Deutschland und Italienlenkten, ihre Kraft, ihr grossartiger Geist warf auf die Poesieeinen Widerschein. Die Bildung ihrer Zeit offenbarte sich immerin den Dichtern am deutlichsten, die zugleich damit die Eigen-thümlichkeit ihrer besonderen Natur zu verknüpfen wussten.Die Persönlichkeit der Dichter, die bei dem Volksepos gar nichtzur Sprache kommt, machte sich bei ihnen geltend. Wir kennendaher ihre Namen und empfinden das Individuelle in ihrenWerken: bei dem Nibelungelied wird so wenig wie bei denanderen Volksdichtungen ein Dichter genannt. Die Vermuthun-gen, die man darüber geäussert hat und die dabei stehen ge-blieben sind, einen Heinrich von Ofterdingen als den verbor-genen Urheber des Nibelungeliedes anzusehen, von dem wirgar nichts Echtes besitzen, der aller Wahrscheinlichkeit nachgar nicht gelebt hat, sondern bloss eine für den WartburgerKrieg erdichtete Person ist, und dem man das Gedicht vonLaurin ebenso fälschlich beigelegt hat, als das Gedicht vonWolfdieterich dem wohlbekannten Wolfram von Eschenbach,diese Vermuthungen bedürfen keiner ernstlichen Widerlegungund verdienen kaum die Ehre, angeführt zu werden. So wenigder, welcher das Volksepos vortrug, Ursache hatte, sich zu ver-bergen, ebenso wenig konnte ihm einfallen, das, was dem ganzenVolke zugehörte, was nicht einer allein, sondern viele Volks-sänger zugleich vortrugen, für sein eigenes Werk auszugeben.Sie hatten auch andere Zuhörer: die höfischen Dichter schei-den sich als Vornehmere, höher Gebildete aus. Ihnen warendie Volksgedichte nicht unbekannt geblieben; wir wissen dasaus Anspielungen darauf, aber keiner hat aus ihnen den Stoffzu einer Dichtung genommen. Sie mögen, wenn auch nicht