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4 (1887)
Seite
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540 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.

wusstsein des Volkes, wie die Sprache, das Recht, der religiöseGlaube, so lässt sich denken, dass kürzere, für sich bestehendeLieder das Einfachste und Natürlichste waren, wie sie dieEdda zeigt, ja, wie sie in späterer Zeit in den einsamen färöi-schen Liedern aus dem Sagenkreis vorkommen (herausgegebenvon Lyngbye 1822). Sie änderten sich je nach der Verschie-denheit des Standpunkts, den man nahm, und der von eigen-thümlichen Stimmungen und Zuständen abhängig war. Warauch eine grosse Anzahl solcher Lieder vorhanden, so erschöpf-ten sie doch nicht zu jeder Zeit die Sage vollständig. In dengrönländischen Liedern von Atli, die auch in der Edda auf-bewahrt sind und die ich für etwas jünger als die übrigen halte,wird aber schon ein grösseres Stück der Sage umfasst, etwawas bei uns den zweiten Theil des Nibelungeliedes ausmacht,aber die Darstellung ist hier auch schon mehr erzählend, gleich-massiger, künstlicher, schwieriger im Ausdruck, zugleich wenigergrossartig und innerlich weniger belebt.

Von entschiedener Einwirkung auf die Gestaltung der Sagewie auf ihre Darstellungsweise muss die Zeit gewesen sein, wodie Volksdichtung nicht mehr bloss aus dem Gedächtnis vor-getragen, sondern wo die Schrift zu Hülfe genommen wurde.Die Zeugnisse, die von schriftlicher Auffassung reden, weisenbis auf das neunte Jahrhundert zurück; dass daneben der Vor-trag aus dem Gedächtnis fortdauerte, versteht sich von selbst.Nicht bloss konnte sich jetzt die Richtung auf ausführliche undvollständige Erzählung entfalten, sondern es entwickelte sichauch die Neigung zur Verknüpfung verschiedener Sagen, wovondie bedeutendste und älteste die Verbindung der Dietrichs- undNibelungesage, die in unserem Nibelungeliede vollendet sichzeigt und der Edda noch fremd war, scheint gewesen zu sein.Solche Verknüpfungen konnten die Dichtung bereichern undmanche glückliche Gegensätze bewirken, sie mussten aber auchWidersprüche herbeiführen, die dem reinen und natürlichenZusammenhang der ganzen Sage nachtheilig waren. Der Kampfder Burgunden mit den Amelungen ist erst aus der Verknüpfungbeider Sagen entstanden, und wie schön und ergreifend er imEinzelnen dargestellt ist, er hebt doch das ursprüngliche Gleich-