EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 539
Dieser Beweggrund wird so sehr hervorgehoben, dass der Todihres Bruders Gunnar in der Schlangenhöhle der bittersteSchmerz genannt wird, den sie je empfunden hat. Angetriebendavon tödtet sie die eigenen Kinder, weil es auch Atlis Kindersind, und die Grausamkeit, die sie zeigt, wird durch Pflicht,die ihr aufliegt, entschuldigt. Diese Ansicht ist dem Alterthumangemessener als die Darstellung der Nibelunge Noth, wo dieSchwester, wenngleich mit ihren Brüdern versöhnt, ihr ganzesLeben auf Rache für Siegfrieds Mord sinnt, und diese Racheist um so entsetzlicher, als sie durch keine Sitte geboten, imGegentheil nach der Versöhnung unrechtlich war.
Wie die Darstellung in den verlorenen deutschen Liedernwar, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Das Hilde-brandslied zeigt eine breite, ruhige Erzählung, die den Inhaltder Sage deutlich und umständlich den Zuhörern vorzuführenstrebt. Ich bin der Meinung, dass dieses Streben schon einGefühl voraussetzt von der eingetretenen Nothwendigkeit, mitdem Inhalt bekannt zu machen. In der früheren Zeit, wo dieserInhalt einem Jeden bekannt war, brauchte nur Einzelnes her-vorgehoben, das Andere vorausgesetzt werden; das geschiehtwirklich in den eddischen Liedern. Die Erzählung darin istabgebrochen, deutet manchmal selbst das Wichtige nur an: sieberührt gleichsam wie ein einzelner Sonnenstrahl nur die vor-ragenden Spitzen eines Gebirges und lässt das Andere in Dun-kelheit liegen. Sie steht der Ausführlichkeit des dreizehntenJahrhunderts gerade entgegen. Diese bedarf einer ruhigen Ge-müthsstimmung, während die eddischen Lieder eine heftige Auf-regung zeigen. Es mag sein, dass hier die von der starrenUmgebung zu grosser Energie gedrängte nordische Natur ein-wirkte, aber es ist doch wahrscheinlich, dass wir auch hier imGanzen ein Abbild von der früheren deutschen Darstellnngs-weise besitzen.
Waren in dieser vorkarolingischen Zeit nur solche kurzeLieder vorhanden, in welchen einzelne Ereignisse und Zuständehervorgehoben werden? Gab es kein grösseres Gedicht, das dieganze Sage umfasste? Die Frage lässt sich nicht mit einerVermuthung beantworten. Lebte die ganze Sage in dem Be-