Druckschrift 
4 (1887)
Seite
534
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534 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.

Abermals ein verschiedenes Verhältnis zeigt sich, wenn ge-schichtliche Begebenheiten in ein von einer bestimmten Ideegeleitetes Gedicht zusammengefasst werden, das sich eben da-durch über eine bloss an einander gereihte Erzählung wirklicherEreignisse erhebt. Hier keine eigentlich geschichtliche Wahr-heit, sondern eine freie Auffassung für ein höheres Ziel. Ichweiss nur ein einziges Beispiel einer solchen Dichtung. Es istdas nicht vollständig, aber in grösseren zusammenhängendenBruchstücken erhaltene Gedicht aus der zweiten Hälfte deszwölften Jahrhunderts vom Grafen Rudolf. Es schildert in einerschönen, einfachen Erzählung den Zustand des Königreichs Je-rusalem, wie es sich etwa in den ersten fünfzig Jahren nachseiner Entstehung (es entstand am Ende des elften Jahrhunderts)gebildet hatte, mit seltener poetischer Kraft und Wahrheit undgehört zu den merkwürdigsten Denkmälern des Mittelalters.Man kann nicht behaupten, dass es wirkliche Ereignisse ent-halte: es treten darin Personen auf, welche die Geschichte nichtkennt, aber was darin erzählt wird, trägt den Widerschein derWirklichkeit und mag aus den durch mündliche Überlieferungumgebildeten Ereignissen hervorgegangen sein. Es fehlt ihmnichts zu dem Volksepos als der Zusammenhang mit einermythischen Zeit. Doch ich kehre zu den früheren Jahrhundertenzurück.

Die geschichtliche Haltung, glaube ich, trat zu der Zeitder grösseren Völkerbewegungen, in den ersten Jahrhundertenunserer Zeitrechnung, in die alten Mythen ein. Dies geschah,wie sich von selbst versteht, nicht plötzlich, sondern in all-mählichem Übergang. Schon im sechsten Jahrhundert, zur Zeitdes ostgothischen Geschichtschreibers Jornandes, war dieseveränderte Haltung entschieden. Er gedenkt gothischer Lieder,aus welchen er schöpfte; aber die Sagen selbst, die er erzählt,tragen schon den Charakter des geschichtlichen Epos, unterdiesen besonders die Sage von Ermanarich, die in den uns er-haltenen Darstellungen der Heldensage noch vorkommt, wie ichin meinem Buche 1 ) ausgeführt habe und deren Alter und my-

') Deutsche Heldensage. Göttingen 1829 [1867].