EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN. 533
deutung verliehen haben. Erlebtes, geschichtliche Ereignissewerden den Mythen zugelegt. Ich kann hier nur das Verhältnisim Allgemeinen angeben; die Mischungen im Einzelnen sindohne Zweifel sehr verschieden gewesen. Das Mythische konnte;ganz geschichtlichen Charakter annehmen und umgekehrt das]Geschichtliche einen mythischen Schein. Daran ist festzuhalten,]dass, je mehr das Heldenthum sich ausbreitet und die übrigen |Verhältnisse beherrscht, auch in dem Epos sich der geschicht-liche Charakter immer stätiger entwickelt. Die wirklichen Er-eignisse sind in diesem Geiste der Dichtung schnell aufgegan-gen oder von ihm verzehrt worden. Man wird niemals äussereGeschichte, wirkliche Ereignisse aus dem Epos mit einigerSicherheit herausziehen. Wir kennen z. B. die beglaubigte Ge-schichte Carls des Grossen hinlänglich, um uns zu überzeugen,dass die kerlingische Sage bei allem geschichtlichen Scheinwenig, fast nichts davon aufgenommen hat und zwar die Ver-hältnisse seiner Zeit, nicht aber die Ereignisse derselben dar-stellt. Ich habe das bei der Sage, die dem Rolandslied zuGrunde liegt, ausführlich gezeigt (Göttingen 1838). Aus späte-ren Jahrhunderten will ich die Geschichte des Cid nennen, diein den Romanzen kaum eine Ähnlichkeit mit dem hat, was wiraus sicheren Quellen von ihm wissen. Hier eine Zwischen-bemerkung.
Es hat Lieder gegeben, die ein geschichtliches Ereignisfestzuhalten suchten, vielleicht haben das auch Volksdichter ge-than, obgleich das uns erhaltene Ludwigslied (am besten inWackernagels Lesebuch), das den Sieg Ludwigs III, Königsvon Frankreich, eines Sohns Ludwigs des Stammlers, über dieNormannen feiert, von einem Geistlichen herrührt, der abermit der Art und Weise des Volksliedes bekannt war; es istim Jahr 881 gedichtet. Andere rein historische Lieder sindverloren, aber Zeugnisse darüber vorhanden, die in unsererSammlung Deutscher Sagen Band 2 S. XI. XII zusammen-gestellt sind. Solche Lieder, wie sie auch die nordischen Skaldendichteten, dauerten ihrer Natur nach nicht lange; sie sankenmit den Ereignissen selbst in Vergessenheit und sind eben des-halb nicht auf uns gekommen.