532 EINLEITUNG ZUR VORLESUNG ÜBER GUDRUN.
einmal in Deutschland Glauben des Volkes gewesen. Uns istnichts übrig geblieben, als zwei kleine, erst voriges Jahr inMerseburg entdeckte, von meinem Bruder bekannt gemachte 1 )Gedichte. Mythische Gestalten der Edda erscheinen darin undeine Sage, die in dichterischer Umwandlung noch lange imNorden fortgedauert hat. Zwei andere Gedichte aus dieserPeriode 2 ), das Wessobrunner Gebet, in dem von dem Zu-stand vor Erschaffung der Welt die Rede ist, und ein etwasgrösseres Gedicht von dem Kampf bei dem Untergang der Welt,das Schindler unter dem Namen Muspilli (1832) bekannt ge-macht hat, sind christliche Gedichte, aber es schimmern nochheidnische Ideen durch. In den letzteren streiten gute und böseGeister um die Seele der Gestorbenen, und Elias kämpft mitdem Antichrist, dem Teufel, der in der Gestalt Christi erscheint,und das Blut, das aus seinen Wunden herabfällt, entzündet denBrand der Erde. Die Darstellung ist einfach und grossartig:auch im Wessobrunner Gebet hat die Sprache Schwung undpoetische Farbe.
Das sind die einzigen Überreste von heidnischen Dich-tungen.
Krieg und Fehden, auch mit Grausamkeit geführt, kommenzwar bei einem Ackerbau treibenden oder einem Hirten- undJägervolk vor, aber vorübergehend und nur zwischen einzelnenStämmen: erst wenn ein ganzes Volk zusammentritt und einedurchgreifende, die Stämme einigende Verfassung bildet, wenn,wie man sich ausdrücken kann, die Geschichte des Volks be-ginnt, dann erhebt sich in den Bewegungen, die erfolgen, dieHeldenzeit. Der veredelte Stand des Kriegers mildert die Roh-heit des Kampfes: Helden fallen sich nicht an wie wilde Thiere,der Kampf wird durch Sitte und Ehre geordnet. Ein anderesBlut strömt in den Adern derer, die die Poesie verkündigen:ihnen erscheint in der Tapferkeit und in dem kriegerischenMuth die Blüthe des Daseins: er wird als die höchste Tugenddes Mannes betrachtet. Die Thaten der Götter verwandeln sichin die Thaten tapferer Männer, die dem Volk Glanz und Be-
') In den Werken der Akademie [1342, S. 1—24 = Kl. Sehr. II S. 1-2912 ) Wackernagels Lesebuch 1.